Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Month: Oktober, 2012

Futter für die Augen

Oben in der Halle 4.2 des Frankfurter Messegeländes, da sieht die Buchmesse noch ziemlich genauso aus wie früher. Zwar kommen auch die dorthin entrückten Wissenschaftsverlage – gerade die! – nicht umhin, das eine oder andere elektronische Medium am Stand zu zeigen. Gleichwohl scheint dort der Wert gedruckten Wortes noch Alleinstellungsmerkmal genug zu sein, um in aller Nüchernheit die Regale vollzustellen mit uniform aufgereihten Werken, bis zum Bersten gefüllt mit Grundlagenwissen und Erkenntnissen von Forschern rund um die Welt.

Auch dort, wo sich die internationalen Verlage tummeln, herrscht noch jene beschauliche Unbekümmertheit vor, die nur aus dem Umgang mit Büchern erwachsen kann, deren geduldiges Papier genauso geduldigen Personals bedarf. Insebsondere bei Briten, Kanadiern und Amerikanern prägt Zeitlosigkeit das Erscheinungsbild der Messestände und des Marketings. Das setzt sich in den Gesprächen fort, die zügig und intensiv sich zu Inhalten und Ideen hin entwickeln und von Lust an Tiefgang erfüllt sind.

Wogegen ich in Halle 3.0, wo sich die Elite des deutschen Verlagswesens tummelt, eingeladen werde, zum Beispiel einem Johann Lafer bei jener Tätigkeit zuzusehen, bei der er sich mir auch laufend im Konkurrenzmedium Fernsehen präsentiert: beim Kochen in der „Gourmet Gallery“. (Dass „Miele“ einen Stand auf der Buchmesse hat, der größer ist als der manch altehrwürdigen Verlagshauses ist eine Geschichte für sich.) Ich darf am Stand der geschätzten Süddeutschen lauschen, wie Heribert Prantl den anwesenden Buchautor Edmund Stoiber interviewt, der aus den alten Zeiten mit FJS selig berichtet. Und mir fallen Mütter auf, die ihre Kinder an den gefällig an der Standgrenze montieren Tablets parken, wo sie dann fingerfertig bunter Figuren über den Bildschirm scheuchen, dieweil ebenfalls bunte Kinderbücher, in denen sich Gedanken, aber nicht Figuren bewegen müssen, links liegen bleiben.

Das sind werbetechnische Auswüchse, die mich stören. Denn sie verdrängen die BUCHmesse-typischen Momente in der Wahrnehmung, lassen sie untauglich erscheinen, um größere Zahlen an Besuchern anzulocken. Andererseits bescheren sie ganz neue Freiräume, weil man sich dann zum Beispiel mit einem Harry Rowohlt zum persönlichen Gespräch unter vier Augen aufs Sofa setzen kann – der Gesprächsgast strahlte dann auch während der Zeit, die ich ihn beobachtete, eine Gelassenheit und ein Glück aus, das beneidenswert war.

Der Wandel ist nicht von heute auf morgen erfolgt. Er hat sich im Lauf der Jahre eingeschlichen. Der Bildschirm gewinnt, der Bücherschrank wird zum inszenierten Dekorationsartikel. Sternchen und Stars mit ihren geistergeschriebenen Verkaufsprodukten stehen nicht mit ihren gedruckten Worten im Mittelpunkt, sondern mit schönen Gesichtern, telegenen Gesten und wohlfeilem Geschwätz vor der Kamera. Futter fürs Auge, nicht minder aufdringlich wie bei einer Automobilausstellung. Gäbe es nicht die von Enthusiasmus und Bibliophilie getragenen Klein- und Kleinstverlage, in denen sogar noch so abseitige Dinge wie Dichtung ihren Raum finden, wäre die Buchmesse ein sterbenslangweiliger Ort.

Ein verräterisches Indiz für den gewandelten Charakter der Buchmesse ist ein modisches. Die Generation Zalando hat optisch das Übergewicht über die Baskenmützen, Strickpullover und Cordhosen von einst gewonnen. Die Population von High Heels in einem Gang einer Halle ist heute vielfach höher, als sie es einst auf dem ganzen Buchmessegelände war. Menschen, die ihr sauer Erspartes lieber für Bücher ausgeben als für Klamotten, die lieber in innere Werte investieren statt in äußere, sind dem Anschein nach selten geworden hier.

Was allerdings Mut macht: Genau diese Menschen, die aus Liebe zum Schreiben und zum Lesen selbst Literatur schaffen wollen, haben heute größere Chancen denn je, dies zu tun. Ob sie nun zum „Book on demand“ greifen oder zum „E-Book“, ob ihre Auflage im einstelligen Bereich bleibt oder durch glücklichen Zufall in Bestseller-Dimensionen vorstößt – das hängt heute nicht mehr von der Erkenntnis eines Lektors oder der Gunst eines Verlages ab. Sie können veröffentlichen und andere können es lesen. Mehr Markt war nie. Jedes Buch hat eine Chance. Die Augen brauchen nicht hungrig zu bleiben.

 

Interkontinentalverschiebung, Teil 2

Im Anflug auf BWI: Jet der American Airlines (c) Pinus

Eine Pressemitteilung erreicht mich heute, die so beginnt: „Die Air France-KLM Gruppe, Etihad Airways und airberlin haben heute eine neue, strategische Partnerschaft bekannt gegeben, mit der die Streckennetze der beteiligten Airlines enger verzahnt und erheblich gestärkt werden. Die Vereinbarung beinhaltet ein Codeshare-Abkommen von airberlin mit der Air France-KLM Gruppe, das ab 28. Oktober 2012 in Kraft tritt. Für airberlin ist dies das vierzehnte Codeshare-Abkommen.“

Das ist nun nicht ganz unerwartet, die Spatzen haben derlei in den vergangenen Tage von den Dächern gepfiffen. Was die Geschichte so aufregend macht, sind die Verschiebungen im Hintergrund, die sich da andeuten. Erst vor wenigen Monaten war Air Berlin der Allianz „Oneworld“ beigetreten. Air France-KLM aber ist der europäische Leader beim konkurrierenden „Sky Team„. Oneworld schwächelt seit einiger Zeit, allen voran der US-amerikanische Leader dort,  American Airlines, die sich seit geraumer Zeit im Gläubigerschutz von Chapter 11 befindet. Aus dem sich der Sky Team-Konkurrent „Delta“ schon vor längerem erfolgreich befreien konnte.

Delta ging damals den Weg der Fusion mit der ebenfalls angeschlagenen Northwest. American wird bisher als Übernahmekandidat durch die profitable US Airways gehandelt. Die wiederum ist Mitglied des stärksten Airline-Verbunds, der Star Alliance. Dort ist auch United zuhause, die ebenfalls durch Fusion – mit Continental – gestärkt aus einer tiefen Krise hervorging.

Unter den gegebenen Voraussetzungen ist, eine Fusion von US Air und American angenommen, für eine der beiden großen US-Airlines kein Platz mehr in der Star Alliance. Da dürften die Wettbewerbsbehörden nicht mitspielen. Also wird sich in der Allianz-Struktur etwas ändern.

Soweit der Blick nach Westen.

Im Orient wiederum wird hat Qatar Airways gerade seinen Beitritt zu „oneworld“ bekanntgegeben – in der bekanntlich Air Berlin gebunden ist, an deren Strippen aber der Qatar-Konkurrent Etihad zieht. Gleichzeitig schließt die bekennend Allianz-lose Emirates einen Codeshare-Vertrag mit dem angeschlagenen oneworld-Mitglied Qantas ab.

Auch auf dieser Seite wird sich also bei den Allianzen etwas ändern.

Nachtigall, ick hör dir fliegen.