Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Month: März, 2013

Mutmaßlich unklar

Ziemlich unklar, diese mutmaßliche Rose (c) Ulrich Pfaffenberger

Ziemlich unklar, diese mutmaßliche Rose (c) Ulrich Pfaffenberger

Seit einigen Jahren nun schon greifen Journalisten auf das Wort „mutmaßlich“ zurück, um der Unschuldsvermutung sprachlich genüge zu tun. Aus meiner Sicht ist dies in mehrfacher Hinsicht ein Mißgriff. Nicht, weil mir die Unschuldsvermutung mißfiele. Wer noch nicht rechtskräftig verurteilt ist, hat einen Anspruch darauf. Nein, ich bin verärgert, weil es bessere Begriffe gibt, um die Unschuldsvermutung auszudrücken. „Tatverdächtiger“ zum Beispiel. Oder „Beschuldigter“. Oder am Ende gar ein ordentlicher Nebensatz, der verdeutlicht, warum noch Fragen offen und Zweifel berechtigt sind.

Eine Mutmaßung ist eine ziemlich grobe Vermutung, ein Stochern im Nebel, ein Fischen im Trüben. „Nix gwias wois ma ned“ sagt der bayerische Schwabe und gibt so zu erkennen, dass ihm zum gegenwärtigen Zeitpunkt jede Schuldzuweisung fremd ist.

Weshalb es grober Unfug ist, hinter das abstrakte „mutmaßlich“ dann einen so konkreten Begriff wie „Täter“ oder „Mörder“ zu stellen. In einem Atemzug einen Vorwurf zu erheben, um ihn gleich auch wieder mit dem Schleier der Distanzierung (vermeintlich) zu verhüllen ist widersinnig. Denn damit ist der Vorwurf verbalisiert: „Täter“. Das ist deutlich schärfer als „Tatverdächtiger“. Irrwitzig sind vor diesem Hintergrund Formulierungen, wie sie immer wieder auch in Hörfunk-Nachrichten über den Sender gehen: „Der mutmaßliche Täter hat inzwischen ein Geständnis abgelegt.“

Der angebliche Zwang zu knapper Nachrichtensprache erscheint daher wenig glaubwürdig, weil die besseren Begriffe allenfalls winzige zusätzliche Sekundenbruchteile in Anspruch nehmen.

Inzwischen sieht es danach aus (oder hört es sich danach an), als liefe ein zweiter Begriff dem „mutmaßlich“ den Rang in der Beliebtheit ab: „unklar“. Man hört und liest immer häufiger davon, dass „der Tathergang weiter unklar“, „die Unfallunsarche noch unklar“ oder „die zusätzlichen Kosten für den Berliner Flughafen noch unklar“ seien. Gemeint ist in jedem Fall „unbekannt“, unter wohlwollender Betrachtung mag man dem Berichterstatter unterstellen, dass bisher allenfalls ein „trübes“ oder „wirres“ Bild des Geschehens erkennbar ist. Bloß: Was ist dann die Nachricht?