Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Können Kreise sprechen?

Sie gehörte dereinst zu den beliebtesten Phrasen im Nachrichten-Deutsch – die Quellenangabe „wie aus gut informierten Kreisen“ verlautet. Wer in jüngster Zeit aufmerksam hinschaut (manchmal auch hinhört), der wird feststellen, dass diese dem Informantenschutz geschuldete Abstraktion sich dramatisch verkürzt hat. Inzwischen ist vielfach nur noch von „Kreisen“ die Rede. Zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier und hier.

So lange die Kreise „gut informiert“ waren, waren sie Synonym für eine Gruppe zwar unbekannter und ungezählter, aber doch klar zu verortender Menschen. Selbst „US-Kreise“, „Regierungs-Kreise“ oder „wissenschaftliche Kreise“ schlossen trotz ihrer verschwimmenden Grenzen dadurch dingfest zu machen, dass sie Menschen bezeichneten, die der betrachteten Sache nahe standen und darüber offenbar verlässliche Auskunft geben konnten. „Kreise“ ohne jedes Attribut dagegen sind – nichts.

Das gleiche gilt für Sätze wie „Kreisen zufolge ist der Solarworld-Partner Qatar Solar Technologies bereit, sich mit einer Minderheit an dem Bonner Unternehmen zu beteiligen.“ (Quelle: Reuters/Süddeutsche.de). Sie helfen dem Leser beim Einordnen über Wert und Qualität der Aussage gar nichts. Denn solche Kreise können sehr, sehr weit gezogen sein – und unter Umständen gar außerhalb dessen liegen, was sie vorgeblich einschließen. Im schlimmsten Fall sind es „interessierte Kreise“, die den Nachrichtenmarkt in ihrem Sinne beeinflussen wollen.

Dass sich gerade große Nachrichten-Agenturen wie dpa und Reuters auf diesen (Ver-)Kürzungswahn einlassen, ist doppelt verwerflich, prägen sie doch mit ihrem Sprachgebrauch das Sprachbild in den Redaktionen quer durchs Land. Ihr Fehler: Statt das Kind beim Namen zu nennen – „wir wollen, können oder dürfen die Quelle nicht beim Namen nennen“ – bauschen sie vermeintliches Insiderwissen zur Information auf oder kleiden Gerüchte ins Nachrichtengewand. Beide Male verfehlen sie ihren Auftrag und treiben Schindluder mit der Sprache.

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