Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Die Renaissance des Stammtischs

Es ist schon ein paar Jährchen her, da war der „Stammtisch“ das Synonym für den Austausch dumpfer, verbohrter, vorurteilsbeladener Parolen. Wem medienwirksam und öffentlich unterstellt wurde, er verbreite „Stammtischparolen“, der war gemeinhin, auf jeden Fall aber in der spezifischen Angelegenheit gebrandmarkt als einer, dem es an Fähigkeit zum Differenzieren gebricht und dem ein Übermaß an schlichtem Denken zuteil war. Parteien, denen man das Streben nach der „Hoheit über den Stammtischen“ nachsagte, bekamen das gleiche Etikett, abgeleitet von der Zustimmung derer, die am Stammtisch saßen.

Stammtische sind selten geworden. Nicht nur, weil die Kneipen sowie die Dorf- und Vorstadtwirtschaften aussterben, in denen sie standen. An den wenigen, die geblieben sind, geht es nach wie vor überwiegend gemütlich hier. Ihr Wert ist nicht hoch genug einzuschätzen, dienen sie doch der Pflege eines gefährdeten Kulturguts: dem unmittelbaren, offenen Gespräch. Sie sind der lebendige Kontrast zum anhaltenden Rückzug ins Private und die anregende Alternative zum aufgezwungenen Schweigen gegenüber dem öffentlichen Gebrüll.

Denn das breitet sich in beängstigender Geschwindigkeit aus. Wer verbohrten Meinungen lauschen und vorurteilsbehaftete Gedanken wahrnehmen möchte, der wird zum einen durch die auf vermeintliche Spannung und „Atmosphäre“ gebürsteten Talkshows im Fernsehen umfassend bedient. Noch massiver aber tritt das, was man dem Stammtisch von gestern unterstellte, in den vermeintlichen Diskussionsforen auf, die im Internet feilgeboten werden – bei den etablierten Medien genauso wie bei Blogs und Portalen.

Der traurige Unterschied ist die Anonymität derer, die an diesen E-Stammtischen sitzen, und mit einer Verbissenheit, einer Selbstherrlichkeit und einer Intoleranz gegenüber anderen Meinungen zu Worte gehen, die den analogen Vorläufern fehlte. In einem allerdings unterscheidet sich das Heutige ganz wesentlich vom Gestrigen: „Der“ Stammtisch ist nicht mehr per se ein konservatives Milieu, denn er ist Forum aller Parteilichkeiten. Eine Hoheit ist dort ebenso nicht mehr zu erlangen. Ein Gewinn für die Diskussionskultur ist jedoch nicht erkennbar, nur eine vervielfachte Aggression.

 

 

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