Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Warum das Bargeld zu schützen ist

Seit vor einigen Monaten die Schweden angekündigt haben, künftig ganz auf Bargeld verzichten zu wollen, und der Wirtschaftsweise Peter Bofinger prompt ins gleiche Horn gestoßen hatte, dreht das Thema seine Runden durchs Internet. Der Gedanke an eine künftige Zeit ohne Bargeld, so steht es in und zwischen den Zeilen, ist vielen Menschen unheimlich. Wie bei vielen anderen liebgewordenen Traditionen auch, die im Zuge von Globalisierung, Europäisierung, Digitalisierung und Automatisierung schon von der Bildfläche verschwunden sind, wehren sich die potentiell Betroffenen mit Vehemenz.

Bargeldlos ist nicht kostenlos

Und sie haben Recht, dies zu tun. Allen voran sollte die Wirtschaft, insbesondere der Einzelhandel, sich dem Protest anschließen. Warum? Weil dieser Vorschlag den Giganten am Markt in die Hände spielt und den Kleinen und Spezialisierten an die Substanz gehen wird. Mag auch heute schon der eine oder andere darüber klagen, dass die Sicherung und der Transport von Bargeld zu hohe Kosten verursachen, so ist doch auch klar, dass bargeldlos auch nicht kostenlos sein wird. Schon heute stellen die Hausbanken jeden entsprechenden Posten in Rechnung.

Konzentration der Datenmacht

Viel kritischer ist jedoch ein anderer Aspekt zu sehen: Wer über die (Bezahl-)Daten verfügt, hat die Macht. Da sich dieses Datenvolumen auf wenige Dienstleister konzentrieren wird, bekommen diese einen beherrschenden Zugang zu Kundeninformationen – und die anderen müssen sich mit Brosamen begnügen oder kräftig für die Teilhabe am Wissen blechen.

Es geht aber auch um die Kultur im Umgang mit Geld. Denken Sie zunächst, wie ich, an den Spontankauf an der Eisdiele, die schnelle Fischsemmel auf dem Jahrmarkt oder den Schokoriegel aus dem Automaten am Bahnsteig? Nun ja, das ließe sich sicher irgendwie bargeld- und kontaktlos noch darstellen. Die Kassensysteme in den Bundesligastadien machen es ja schon vor, wie’s geht. Aber was ist mit dem Euro für den Bettler an der Straßenecke? Was mit der kleinen Opferkerze vor Maria Knotenlöserin? Mit der spontanen Belohnung für den rasenmähenden Neffen?

Kinder und Randgruppen mittellos?

Mal ganz abgesehen von Datenschutz und Datensicherheit sowie informationeller Selbstbestimmung: Die Abschaffung des Bargelds bedeutet einen massiven Eingriff in die Freiheit jedes einzelnen. Unmündige Kinder, die keine Bezahlkarten und dergleichen nutzen dürfen, wären buchstäblich mittellos, soziale Randgruppen ohne Kontoverbindung ebenfalls. Wollen wir das? Der Verdacht drängt sich auf, dass die letzte Verknüpfung des Begriffs „Sparen“ mit greifbaren Werten gekappt werden soll…

Bewusstsein für verfügbare Mittel schwindet

Zudem eine weitere Gefahr im Raum steht: Geld, das nicht sichtbar ist, wird abstrakt, eine Zahl auf dem Display. Das Bewusstsein für „es wird knapp“, das sich beim Blick in eine entleerte Geldbörse erwacht, wird schwinden. Wir brauchen nur einen Blick in die Schuldnerberatungen – und in die Zentralbanken und Börsensäle – zu werfen, um die wuchernden Folgen von verzocktem virtuellem Geld zu sehen.

Die Argumente gegen das Bargeld, die sich auf den Kampf gegen Schwarzarbeit, Geldwäsche und andere Straftaten berufen, mögen wohlfeil sein. Die Eliminierung von Münzen und Scheinen jedoch ist der falsche Weg, um diesen Kampf zu führen.

Hinweis: Dieser Kommentar ist ähnlich schon Ende Mai auf B4BSchwaben.de erschienen.

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  1. Warum das Bargeld abgeschafft wird:
    Ihre Argumente, warum das Bargeld bleiben muss, in allen Ehren. Die, die darüber zu entscheiden haben, interessieren sie nicht. Es ist längst beschlossen, dass das Bargeld abgeschafft wird. Die Weichen dafür werden längst gestellt:
    1. Neulich wurde uns in den Hauptnachrichten folgende News verkauft: Der Gesetzgeber habe beschlossen, dass die Banken verpflichtet sind, für jedermann ein Konto einzurichten. Es hieß, jeder habe künftig „ein Anrecht“ auf ein Girokonto. Richtiger hätte es heißen müssen: Jeder wird künftig verpflichtet, ein Girokonto zu unterhalten.
    2. Selbst Inhaber sogenannter „Pfändungskonten“ haben ein Anrecht auf eine Banking-Card.
    3. Die Gesundheitskarte. Jeder muss eine solche elektronische Karte haben.
    4. Die gemeinsame internationale Kampagne gegen Steueroasen. Bislang hieß es immer, damit seien geographische Flecken auf der Erde gemeint, wo Steuerflüchtlinge ihr Geld unterbringen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte kommt hinzu, wenn man die Kampagne gegen Schwarzarbeit im Inhalt hinzunimmt. In beiden Fällen geht es darum, Gelder, die bislang für den inländischen Fiskus unerreichbar waren, erreichbar zu machen. Kampf gegen Steueroasen + Kampf gegen Schwarzarbeit = Begründung zur Abschaffung von Bargeld.
    5. Die Ankündigung – mit entsprechend überzeugender Argumentation -, die 1-Cent-Stücke erst einmal abzuschaffen. Damit fängt die Abschaffung des Bargeldes ganz konkret an.
    6. Die Technik ist da oder wird geschaffen. Es ist überhaupt kein Problem, Kirchen, Klos, Blumenhändlern etc. die Anschaffung entsprechender Terminals zu verordnen.
    Sie können mich in zehn oder fünf Jahren steinigen. Ich sage jetzt mal ganz mutig voraus, dass wir dann kein Bargeld mehr haben. Genauso wie wir dann keinen Schreibunterricht in den Schulen mehr haben. Auch die Handschrift wird abgeschafft. Es wird alles abgeschafft, das den Menschen irgendwie in seiner jahrtausendealten Autarkie belassen könnte: bis hin zur eigenständigen Reproduktion des Menschen.
    Das Gute – ich bin immer Optimist: Die Menschen werden sich das auf Dauer nicht gefallen lassen. Sie werden andere Mittel finden, mit einander auszukommen. Es gab schon mal ein System, in dem Geld abgeschafft werden sollte: der Kommunismus. Es hat nicht geklappt. Die Menschen haben natural getauscht. Und das hatte durchaus seine guten Seiten.

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