Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Month: Dezember, 2015

„Um zu überleben“

Anfang der 1990er Jahre habe ich für das inzwischen eingestellte Magazin HiFi-Vision ein Interview mit John Trudell geführt. Der hatte gerade sein Album „Aka Graffiti Man“ in überarbeiteter Form ein zweites Mal veröffentlicht. Es kam zu einem Gespräch, in dem ich mehrerlei lernte: Ein guter Musiker definiert sich nicht nur über seine Musik; über Indianer muss ich noch viel in Erfahrung bringen; es gibt immer eine Alternative.

Am meisten haben mich jene zwei Minuten bewegt, in denen John, Santee-Indianer und Vietnam-Veteran, von der Nacht erzählte, die sein Leben auf einen neuen Weg geschickt hatte. Was war passiert? Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg hatten ihn die Lebensumstände der Indianer in den USA so bewegt, dass er sich aufmachte, gegen die politisch Verantwortlichen vorzugehen. Als Mitglied und später Vorsitzender des American Indian Movement ging er an die Öffentlichkeit – unter anderem warf er dem dem FBI Vergehen gegen die Indianer vor. Anlässlich einer Rede zu diesem Thema verbrannte er die US-Flagge, „because we learned as soldiers that we have to burn the flag if it is disgraced“. Stunden danach ging sein Zuhause in Flammen auf. Darin verbrannten seine Frau, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter.

Dies ist der Ausgangspunkt für das Interview, das es online bisher nirgendwo zu finden gibt. Mir liegt daran, dass es (auch in der typischen Länge eines gedruckten Interviews) erhalten bleibt, um an John Trudell zu erinnern, der am 8. Dezember gestorben ist.

Wenn einer Ihre Biographie liest, dann könnte er auch auf den Gedanken kommen: Der Mann hätte auch Terrorist werden können statt Dichter und Sänger. Warum haben Sie sich so entschieden?

Wenn ich zurückschaue, dann hatte ich keine andere Wahl. Welche Gefühle ich auch damals hatte – ich hatte nicht die Energie, darauf zu reagieren. Ich verstehe das wirklich selbst nicht. Als alle diese Dinge geschahen, war Schreiben sicher das letzte, woran ich dachte. Aber vielleicht ist das der Grund, warum ich diesen Weg gegangen bin: Weil es das war, was ich am wenigsten erwartete. Man muß das auch ganz pragmatisch sehen: Wann immer ich versucht hätte, Rache zu üben, die Leute, die ich hätte erwischen müssen, an die wäre ich nie herangekommen.

War es vorher schon Teil Ihres Lebens, Lyrik zu schreiben?

Nein.

Als Sie damit anfingen, wollten Sie da nur schreiben, oder dachten Sie da auch schon daran, auch Musiker zu sein?

Auch nicht. Als ich zu schreiben anfing, hatte ich nichts anderes im Sinn als zu überleben. Ich habe auch nicht gezielt zu schreiben begonnen, sondern es ist einfach passiert. Ich wußte, daß unabhängig von Gründen, ich dadurch ein Ziel bekam, eine Richtung. Die hatte ich vorher nicht. Mit der Zeit entdeckte ich dann auch meine Fähigkeit, mit Worten etwas auszudrücken. Später dann dachte ich darüber nach, meine Worte mit Musik zu verbinden. Aber zunächst hatte ich all das nicht im Sinn.

Die Gedichte, die Sie schreiben – wollen Sie die einer möglichst großen Menge Menschen mitteilen oder möchten Sie entdeckt werden?

Als ich beschloß, das alles nach außen tragen, da war das meine Entscheidung. Wie die Leute das annehmen oder nicht annehmen wollten, das überließ ich ganz ihnen. Ich habe nicht nach denen gesucht, die mit mir übereinstimmen, und nicht nach denen, die etwas gegen mich haben.

Sie haben sich nicht wie ein Missionar gefühlt, der eine Botschaft verbreiten will?

No. Ich mußte mich selbst ausdrücken und das war der Weg, der mir dazu einfiel. Es war meine Reaktion auf die Ereignisse, danach nicht zu schweigen.

Glauben Sie nicht, daß viele Indianer schweigen, weil Ihnen die Worte fehlen? Oder weil sie Angst haben?

Ich glaube nicht, daß es Angst ist, oder daß sie nicht wüßten wie sie sich ausdrücken sollen. Denn unter uns können wir uns ganz gut darüber verständigen. Viele Leute verstehen nur nicht, wenn wir etwas ausdrücken wollen, weil sie erwarten, daß wir in ein bestimmtes Bild passen, das sie von uns haben. Und dann wird’s schwierig, denn du kannst nicht in irgendjemands Bild passen und gleichzeitig dein echtes Bild zeigen. Denn jene, die ein Bild wollen, verwehren der Wahrheit den Zutritt. Da muß man sich schon überlegen, ob man zu diesen Leuten überhaupt sprechen will, weil sie dich ja sowieso nicht verstehen.

Der Stamm der Hopi diskutiert gerade, ob sie nicht künftig grundsätzlich Besucher von allen Ereignissen fernhalten sollen, wo sie ihre Religion oder ihre Kultur zeigen. Wie stehen Sie zu diesen Überlegungen, zur Tradition überhaupt?

Ich respektiere diesen Standpunkt, denn das ist keine Show. Was sie tun, ist vermutlich das gesündeste für sie. Wenn die Leute kommen, um eine Show zu sehen, dann haben sie keinen Blick dafür, was wirklich geschieht. Und wenn man zuläßt, daß Fremde dazukommen, fotografieren oder mitschneiden, dann ist das Ganze aber nichts anderes mehr als eine Show. Die Hopis sind ja keine verschlossenen Leute, sondern gehen nach außen, um über sich zu berichten. Aber wenn sie ihre Kultur schützen wollen, muß man das akzeptieren. Wer eine Show sehen will, kann ja zu einem Powwow gehen. Das ist offen zugänglich und braucht kein großes Verständnis.

Wer sich Ihre CD anhört, der wird nicht viel von jener traditionellen indianischen Musik entdecken, wie man sie sich vielleicht erwartet, wenn man hört: Da singt ein Indianer. Dafür ist viel mehr weiße und schwarze Musik drin, als zu erwarten wäre.

Genau das war der Grund, warum wir’s so gemacht haben. Weil wir keinem Bild entsprechen wollten. Zu oft wollen uns Nicht-Indianer so sehen, wie es ihnen ihre Phantasie vormacht. Sie wollen unsere Wirklichkeit verdrängen. Da gibt’s einige bei uns, die sich dagegen wehren. Wir sind hier und jetzt. Wer auf die Worte der Lieder hört, wird merken, daß sie durch und durch indianisch sind. Wer romantische, stereotype Bilder sucht, ist bei uns an der falschen Adresse. Das kriegt er nicht von uns. Und wird, das sind inzwischen ziemlich viele. Ich weiß nicht, wie ich’s nennen soll: kulturelles Mißverständnis oder unabsichtlicher Rassismus.

Jesse R. Davis, ein Kiowa-Indianer: Hör zu, wie der Gitarre spielt. Das ist ein Indianer, der über seine Gitarre spricht. Keiner spielt wie er. Was mich beunruhigt, ist das jene, die mit uns sympathisieren, für unsere Zukunft genauso gefährlich sind wie unsere Feinde. Denn unsere Feinde mögen uns nicht, weil wir Indianer sind. Und unsere Sympathisanten mögen uns, weil sie ein Bild von uns haben, daß wir darstellen sollen. Wenn sie aber nicht akzeptieren, wie wir heute sind, dann können sie uns genauso gefährlich werden. Sie wollen uns in der Vergangenheit halten.

Ich mache mir Sorgen über den Drogenhändler auf der Straße. Ich muß mir Sorgen machen, über Leute, die Krieg wollen und Bomben auf Bagdad werfen. Ich muß mir Sorgen darüber machen, wie Frauen und Männer mit der Gesellschaft zurechtkommen. Das berührt mein Leben als Indianer genauso, wie wenn die Regierung Bäume umlegt. Was wir der Außenwelt klarmachen wollen, ist: Um uns eine Zukunft zu geben, müssen sie unsere Gegenwart anerkennen. Unsere Feinde wollen uns zerstören, unsere Freunde uns in der Vergangenheit halten – und beide verweigern uns unsere Zukunft.

Die Tatsache, daß Jessse R. Davis, seine Gitarre so spielt, wie er sie spielt: Der Mann ist Vollblut-Indianer und drückt seine Gefühle dadurch aus, wie er seine Gitarre spielt. Die Leute sollten sich dadurch nicht täuschen lassen. Ich könnte auch hingehen und ein Album machen mit nichts als trommeln und indianischer Musik. Können Sie sich vorstellen, wieviele Leute das aus dem Regal nehmen würden? Ganz wenige. Was wir machen, ist, die Hautfarbe aus dem Spiel zu lassen und menschliche Lebewesen anzusprechen. Und da ich alle Lyrik schrieb und Jesse alle Musik – dann ist das Album indianisch.

Gibt es viele Dichter, Schreiber, Musiker wie Sie unter den Indianern?

Die Zahl wächst. Vor 20 Jahren haben wir unseren Kampf um politische Rechte aufgenommen. Die Form dieses Kampfs hat sich geändert, wie drücken unsere Kultur heute vielmehr durch Kunst aus. Vor 15 Jahren gab es politische Aktivisten, heute gibt es Künstler. Immer mehr Indianer greifen zu Gitarren und Keyboards und diesen Dingen und drücken damit traditionelle und zeitgenössische Formen aus.

Es gibt zur Zeit viele Filme, die Indianer zum Thema haben, und in Deutschland gut ankommen, weil wir für Indianerfilme seit Winnetou etwas übrighaben. Was denken Sie darüber?

„Der mit dem Wolf tanzt“ und „Black Robe“ werden das deutsche Indianerbild weiter festigen. Ich kann mit beiden wenig anfangen, weil sie sich nicht mit unserer heutigen Realität auseinandersetzen. Vor ein paar Jahren gab es den Film „Powwow Highway“, der mir gut gefiel, weil er uns in die Gegenwart setzte. Er gab uns Leben in dieser Generation. Der nächste Film, der kommt, „Thunderheart“, folgt dieser Linie. Und ich denke er wird gut aufgenommen, weil er sich mit unserem politischen Kampf in dieser Generation befaßt und damit, was die Regierung mit uns angestellt hat.

Gibt es derzeit eine Stimme zugunsten der native Americans, die auch gehört wird und die etwas ändern kann? Haben die Indianer zum Beispiel in dem Konflikt zwischen Schwarz und Weiß noch eine Chance gehört zu werden?

Nein, da kümmert sich keiner drum. Eher sorgen sie dafür, daß unsere Probleme kein Ende nehmen, sie sind die Quelle dafür. Ein Kolonisator ist programmiert, dich zu kolonialisieren, aber nicht, sich um deine Probleme zu kümmern. Das ist die Situation, der wir uns in den USA ausgesetzt sehen. Wir haben zwar Sympathisanten, aber es ist keiner im System, der unsere Rechte schützt.

Gibt es nicht Staaten, wo die Indianer mit den Eindringlingen besser zurechtkommen als in anderen?

Das kommt drauf an, um was es geht und in welchem Staat es geschieht. Wenn der Staat irgendetwas entdeckt, was die Indianer haben und was der Staat braucht, dann ist zum Beispiel in Oklahoma nicht leicht dranzukommen. Mancherorts sind die Stämme kulturell stärker, anderswo schwächer. Die Navajos sind ziemlich stark und konnten in Arizona und New Mexico einiges durchsetzen. Die Indianer in Oklahoma hat der Staat um so ziemlich alles beraubt, was sie haben konnten. Das ist für mich eine Form von Apartheid: Jeder akzeptiert, daß die Indianer da sind, aber sie werden kurzgehalten in einem zweitklassigen Status.

An welche Gruppe richten sich Ihre Lieder zuerst? Wollen Sie anderen Indianer damit zu einer Identität verhelfen?

Es geht nicht so sehr darum, eine Identität zu verschaffen. Zunächst entstanden die Songs, um auszudrücken, was Jesse und ich zu sagen hatten. Wir wollten sagen: Da sind wir zwei Indianer in einer Gesellschaft von heute. Von diesem Punkt ausgehend sind die Songs für alle, für die sie Sinn machen. Und wenn Sie ansprechen, daß diesem Album die indianischen Elemente fehlen: Den Indianern gefällt’s. Es sind die weißen Menschen, die fragen „wo sind die Indianer auf diesem Album?“ Es ist nun mal so, daß wir ein paar Jahrhunderte lang uns der Sprache, der Kultur der Weißen ausgesetzt haben und nun einen Weg entdeckt haben, um uns auf diesem Weg ihnen verständlich zu machen. Aber jetzt wollen sie’s nicht hören, weil sie uns lieber in einer Weise sprechen hören, die sie nicht verstehen. Es ist schon ziemlich bizarr.

Also: Die Musik ist geschrieben für Menschen mit Stammesbewußstein (tribaly conscious people), nicht Rassenbewußte (racialy conscious)! Das kann jede Farbe sein, auch wenn keiner dieses Stammesbewußtsein als solches erkannt hat.

Viele Menschen sagen, der Verlust der Sprache würde die Indianer ihrer letzten Wurzel berauben. Die letzte Schlacht, die sie verlören, wäre die gegen eine überwältigende Kultur aus Micky Maus und Fernsehen. Ist es da nicht Teil der Lebensaufgabe für einen Dichter, das Gefühl für Tradition und Stammesbewußtsein aufrecht zu erhalten?

Das ist die Aufgabe eines jeden Individuums. Das ist doch das Problem unserer Gesellschaft, daß jeder möchte, daß ein anderer für sie die Aufgaben übernimmt. Es ist Ihre Verantwortung genauso, meine Kultur am Leben zu erhalten, wie es meine Aufgabe ist. Das kann nicht die Aufgabe einzelner sein. Und wenn wir das Gefühl haben, daß etwas verloren geht, dann müssen wir das akzeptieren. Es gibt eine Evolution. Ich mag die Tatsache nicht, daß unsere Erfahrung damit Genozid, Ausrottung heißt. Ich akzeptiere die Evolution. Aber ich entscheide, was ich verliere. Das lasse ich keinen anderen entscheiden. Und ich entscheide, was für Veränderung und was für Verlust steht. Ich wäre besorgt, wenn ich nicht länger über eine spirituelle Identität verfügte. Wenn ich nicht mehr wüßte, wie ich zu beten habe, wie ich Rücksicht zu nehmen habe, wenn ich nicht mehr weiß, daß die Erde meine Mutter ist – dann würde ich vermutlich einen Verlust fühlen. Jetzt gerade fühle ich mich verändert. Ich kenne meine spirituelle Gegenwart und ich spüre die meiner Vorfahren und das, was sich für die Zukunft daraus entwickelt. Wenn ich’s so sehe, bin ich ein Produkt der Evolution. Ich fühle mich deswegen aber nicht verloren. Ich bin erst dann ein wirklicher Verlierer, wenn ich die Existenz der Evolution bestreite. Dann werde ich rigid…… und kann mich nicht mehr an die Wirklichkeit anpassen, wie es die Menschheit immer schon getan hat. Es ist mein Pech, daß ich in einer räuberischen Gesellschaft lebe, das zehrt an der Spiritualität der Menschen. Aber soll ich deswegen die Wirklichkeit bestreiten, mich den Räubern auf dem Präsentierteller stellen und mich verzehren lassen?

Sie sprechen von einer Sprache, die alle verbinden soll. Kann das die Musik sein?

Sie ist’s schon.

Sind sie sicher?

Alle Musik kann das, wenn sie die Gefühle und Wahrheiten einer Gesellschaft ausdrückt.

Was halten Sie dann von Nationalhymnen?

Nonono. Die Frage war, „kann“ die Musik? Ja, sie kann. Aber ich habe keine Ahnung von Nationalhymnen, weil ich sie noch nie beachtet habe. Ich glaube nicht daran und weiß, daß das alles Propaganda und Müll ist. Das hat nichts mit Wahrheit und Gefühlen zu tun. Das hat mit Verhaltensveränderung zu tun, mit Gehirnwäsche. In diesem Fall wird Musik nicht als Sprache der Gefühle verwendet, sondern als Kontrollinstrument. Aber das verhindert ja nicht, daß Musik als die eine, gemeinsame Sprache verwendet werden kann. Schau doch in die Geschichte: Jede Epoche und jede Gesellschaft hatte ihre Lieder. Und immer wenn einer versuchte, über die Musik die Kontrolle zu gewinnen, dann hat er die Musik verändert. Aber die Musik kommt immer wieder zum Leben.

Werden die indianischen Lieder einmal verlorengehen?

Nein.

Wer wird sie am Leben erhalten?

Indianer.

Aber von denen gibt’s doch immer weniger…

Das könnte ein falscher Eindruck sein. Wir sind unterdrückt, Genozid arbeitet gegen uns, aber wir sind noch immer da. Und wir haben noch immer unsere Einflußmöglichkeiten. Du kannst nicht alles behalten, was du je gehabt hast, und mit dir nehmen. Ab und zu mußt du etwas zurücklassen, das ist Evolution. Ich kann in jede beliebige indianische Gemeinschaft in den USA gehen – und die Lieder werden da sein. Das Problem ist wieder einmal die nicht-indianische Sichtweise: Wir sehen nicht so aus, wie sie uns sehen wollen, also deuten sie das als Verlust. Vielleicht ist der wirkliche Verlust in der nicht-indianischen Gesellschaft, die verlernt hat zu sehen. Für die wäre es viel wichtiger, auf sich selbst zu achten, was sie verlieren. Ich kenne die Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, und kann mich darauf einstellen. Die Gefahr, daß es keine Zukunft für mich gibt, die verstehe ich sehr, sehr gut. Wenn die nicht-Indianer sich genauso gut auf die Gefahren ihres Lebens einstellen und sie erkennen würden, dann würde keiner von uns verlieren.

Welche Reaktion erwarten Sie auf Ihre Musik?

Meine Musik wird von jenen akzeptiert werden, die sich mit der Wirklichkeit abgeben, egal wo das ist. Wer sich mit romantischen Stereotypen befassen will, der wird Probleme damit haben. Aber das ist nicht mein Problem, sondern ihres. Ich bin kein Teil von Buffalo Bills Wild West Show und ich werde nicht singen und tanzen, wenn sie das wollen. Wenn ich’s mache, dann so wie ich will.

Wo sind wir denn da gelandet?

So sehr ich Helmut Schmidt als klugen Analytiker und weisen Staatsmann geschätzt habe und so sehr mich das Thema Luftfahrt berührt: Die Benennung von Flughäfen nach verdienten Politikern ist die falsche Form, den Verstorbenen posthum Ehre zu erweisen. Zumal die Düsseldorfer nun auch nicht mehr an sich halten können und ihren Airport nach Ex-Landesvater und Ex-Bundespräsident und Ex-Bankflugbereitschaftsnutzer Johannes Rau benennen wollen.

Haltepunkt oder Gedenkmal?

Zwar haben wir es da mit einer guten (nicht nur deutschen) Tradition zu tun, die sich in der Namensgebung für Straßen und Plätze in unseren Städten und Dörfern widerspiegelt. Besonders großartige Geehrte bekommen ihr Gedenken folglich an Haltepunkten von größerem Format verpasst. Weil Bahnhöfe dafür nicht vorgesehen sind und Häfen nicht überall vorhanden, bleiben nur die Flughäfen. Schauen wir uns um: Die Erinnerung an Konrad Adenauer überlebt in Köln-Bonn, Stuttgart widmet seinen Airport dem lieben Manfred Rommel und Willy Brandt darf sich als Patron den BER ans Gedenk-Bein binden.

John F. und die Folgen

Ohne jetzt die einschlägige Geschichtsschreibung zu bemühen, hat das alles mit John F. Kennedy begonnen, zu dessen Gedenken der New Yorker Übersee-Flughafen einen neuen Namen bekam, der mittlerweile sogar dessen offzielles Kürzel ist: JFK. Ein anderer Dreibuchstaber hat’s nicht so weit gebracht: MUC ist noch immer MUC und nicht FJS. Zur Freude nicht zuletzt der Ausbaugegner, die sonst nicht als „aufgeMUCkt“ aufträten, sondern vielleicht als „FJSser-Disser“.

Wer fliegt: Dürer oder da Vinci?

Ich bin nicht sicher, ob andere Namensgeber eine glücklichere Wahl sind. „John Lennon“ in Liverpool, „Albrecht Dürer“ in Nürnberg und „Robin Hood“ in Sheffield sind sicher gut gemeint. Aber mit der Fliegerei hat das alles nichts zu tun. Da lobe ich mir Berlin-Tegel mit „Otto Lilienthal“, Rom mit „Da Vinci“, Dayton mit seinem „Wright Brothers Airport“ oder San Diego mit dem „(Charles) Lindbergh Field“. Das zeugt von Geschichtsbewusstsein und passt zum Thema.

Namen sind nicht alles

Mein Haupteinwand gegen die Benennung von Flughäfen nach Politikern ist jedoch die Vergänglichkeit alles Irdischen. Wie gehen wir damit um, wenn unser Reiseziel sich als Namenträger eines Diktators oder Tyrannen erweist? Wo kommen wir hin, wenn es auch auf diesem Feld einmal einer Frauenquote bedarf? Was soll passieren, wenn mal eine(r) kommt, der noch ehrbarer und wertvoller für sein Land gehandelt hat? Werden für diese Personen dann neue Flughäfen gebaut? Oder die alten umgetauft? Erst kürzlich hat die Lufthansa dem Airbus A380 „San Francisco“ seinen schönen Namen wieder weggenommen, damit ihn die Kanzlerin neu auf „Deutschland“ hat taufen können. Auch kein freundlicher Zug.

Nennt die Flughäfen also lieber nach den Orten, zu denen sie gehören. Dann weiß jeder, wo(ran) er ist.