Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Journalismusformel: Minus mal minus macht minus

Manche Entscheidungen im Journalistenleben scheinen auf den ersten Blick sehr einfach zu sein. Beim zweiten Hinsehen entpuppen sie bzw. ihre Folgen sich als höchst komplex. Im dritten Hinsehen wünscht man sich dann, man wäre anders vorgegangen. Dies ist inbesondere dann der Fall, wenn die journalistische Arbeit das reine Übermitteln von Nachrichten verlässt und eine Tendenz bekommt. Dies vorab.

Als Volontär habe ich einerseits die reine Lehre des Zeitungsjournalismus gelernt: Nachricht und Meinung gehören voneinander getrennt. Damit vermeide ich, meine Leser zu manipulieren. Andererseits hat mir die alltägliche Arbeit gezeigt, dass diese reine Lehre unmöglich einzuhalten ist. Denn schon die Entscheidung, womit ich eine Meldung beginnen lasse, welchen Umfang ich ihr zumesse, welche Position im Blatt, welche Qualität der Aufmachung (große oder kleine Schlagzeile, mit oder ohne Bild) ist nicht mehr auf rein sachlicher Basis zu begründen – mit Ausnahme des Faktums, dass der verfügbare Platz für Veröffentlichungen beschränkt ist. Ich wäge die auflaufenden Nachrichten auf Relevanz ab, auf Gewicht. Ich setze Prioritäten. Dabei folge ich meinem Urteil und meiner Erfahrung sowie der Meinung der Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktionskonferenz.

Sie sehen: Nachricht und Meinung zu trennen ist unmöglich.

Wenn eine große Tageszeitung daher der Meldung über die sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung von mehreren Dutzend Frauen während der Silvesternacht in Köln auf ihrer Titelseite nur eine kurze, im Konjunktiv gehaltene einspaltige Meldung „unter dem Bruch“ gewährt und den dazugehörigen Bericht auf der Panorama-Seite plaziert, also dem „Bunten und Vermischten“, und ihm dort etwa die Hälfte des Umfangs gewährt, den ein Bericht über in Eis und Schnee feststeckende Züge erhält, dann wirft das Fragen über die Meinung derer auf, die für diese (An)Ordnung verantwortlich sind.

Zumal gleichzeitig die Titelseite einen Vierspalter „Verbientes Gelände“ präsentiert, der sich damit befasst, wie in Afrika Insekten Elefanten von Feldern fernhalten sollen. Zumal gleichzeitig der Aufmacher der Panorama-Seite „Geliebtes Glühlicht“ über Berlin als „Welthauptstadt der Gaslaternen“ eine Wohlfühlatmosphäre ausstrahlt, die in direktem Kontrast zum Befinden der in Köln belästigten Frauen steht. Zumal nur verschämt und gegen Ende der Nachricht die Pflichtfrage „wer?“ beantwortet wird. Zumal die „Anreißer“-Meldung auf der Titelseite die Vorfälle in der Überschrift mit „Übergriffe“ relativiert, indem sie die Spezifizierung „sexuelle“ unterlässt.

Da ich weder der Redaktion angehöre noch Zugriff auf deren Meinungsgemengelage habe, bleiben mir nur Vermutungen. Sollte eine davon zutreffen, ist auch mein Wohlgefühl im gewählten Beruf stark beschädigt.

  • Es ist – trotz einschlägiger, umfassender Berichterstattung anderer seriöser Medien – zu einer krassen Fehleinschätzung gekommen, was die Schwere des Vorfalls angeht.
  • Die Redaktion hat versucht, durch die Marginalisierung der Täter und ihrer Herkunft eine bedrohte Bevölkerungsgruppe zu schützen, indem sie jenen keine „Munition“ liefern wollte, von denen diese Bedrohung ausgeht – und damit gerade die eigentliche Absicht torpediert, weil die unsaubere Berichterstattung genau diese „Munition“ liefern könnte.
  • Die Redaktion hält, im Jahre 3 nach #aufschrei, die titelseiten- und kommentarspaltentauglichen Altherren-Sprüche eines Politikers sexismustechnisch für gravierender als das tatsächliche, aggressive Betatschen von Frauen.
  • Die Redaktion überschätzt das Interesse an der afrikanischen Landwirtschaft.
  • Die Redaktion unterschätzt das Interesse an Situationen, die für Frauen bedrohlich sind.
  • Die Redaktion arbeitet mit Tendenz.

Der letzte Punkt ist der schlimmste. Denn er macht Nachricht und Berichtende angreifbar in ihrer Seriosität. Mit dem traurigen Ergebnis, dass minus (Information und Bewertung) mal minus (Vertrauen in das Urteilsvermögen der Leser) doch minus (Glaubwürdigkeit) ergibt.

tl;dr

Es gibt keinen harmlosen Sexismus. Es gibt keine weniger schlimmen Belästiger, egal welcher Herkunft Täter und Opfer sind. Und es dient nicht „der guten Sache“, etwas kleinzuschreiben, damit „die Bösen“ nicht Wasser auf ihre Mühlen bekommen – im Gegenteil. Die Wiederbelebung des sauberen, nachrichtlichen Journalismus bedarf dringend der Wiederbelebung einer klaren, von Formeln befreiten Sprache.

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