Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Gschwätz

Gelegentliche Gedanken über meine schwäbische Muttersprache.

Mamma und Babba

Mit „Mamma“ und „Babba“ verfügen die Allernächsten über Bezeichnungen voller Wärme, Weichheit und Volumen, dass sie kaum zu überbieten sind. Die kindliche Vertrautheit in den Buchstaben „A“ geht hier eine heilige Allianz mit der schwäbischen Vorliebe für denselben Vokal ein. Unterstrichen noch durch die Multiplikation eines einzigen Konsonanten kommt hier eine Nähe und Innigkeit zum Ausdruck, die wir getrost als kulturelles Alleinstellungsmerkmal bewerten dürfen. Wie arm dagegen jene Landstriche, in denen von „Mutti und Vati“, von „Mam und Paps“ oder von „Mum and Dad“ die Rede ist! Schon der „Bruadr“ und die „Schweschdr“ befinden sich bei aller Sanftheit in der Aussprache da schon in erkennbarer Distanz – eine Erkenntnis, die sich auf Lebensweisheit und den Gang der Dinge berufen kann, vom Streit um den besten Platz im Planschbecken über das Vermeiden des Mittelplatzes auf der Rückbank der Familienkutsche bis zur Pflicht, geschwisterliche Kleidung aufzutragen, „weil dia isch no pfennigguad“. Die gesellschaftlichen Trends zum mobilen DVD-Player, zum Secondhand-Laden und nicht zuletzt zur Ein-Kind-Familie könnten indes dafür sorgen, dass der Gebrauch beider Worte sich sowieso bald in Schall und Rauch verliert.

Bleibt der zweite Grad. „Dande“ und „Onggl“ liegen klanglich wie altersgemäß wiederum näher an Mamma und Babba, was nicht nur ihrer Eigenschaft als Quelle materieller Zuwendungen geschuldet ist. Als nur temporär Anwesende mit erzieherisch maximalem Spielraum verfügen sie in etwa über den Status familiärer Blauhelm-Truppen und dürfen sich einer entsprechenden Beliebtheit im niederen Volk erfreuen (weniger bei den Herrschenden).

Verkannt und vergessen angesichts des leider überhand nehmenden Gebrauchs von „Kuseng“ und „Kusihne“ sind die schönen Worte „Baas“ und „Veddr“. Die Kinder der Onggls und Danden verbindet neben der zwangsweisen Familienzugehörigkeit in der Regel auch die Altersgruppe mit den anderen Baasn und Veddrn im Gefüge – und in der Regel auch die Absenz erbrechtlicher Verwicklungen. Aber o!enbar, nehmen wir das „A“ als Kriterium, wird dem weiblichen Teil dieser Verwandtschaft etwas wärmeres Gefühl entgegengebracht als dem Männlichen. Erinnern wir uns an die Briefe des W.A.Mozart an sein „Bäsle“, den Gipfelpunkt des schwäbischen Zärtlichkeits-Diminutivs, dann wissen wir, warum.

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Gloifi oder Drialar?

Was ich an meiner Muttersprache so schätze, das ist ihre rebellische Sanftheit. Die äußert sich am spürbarsten dann, wenn wir einen anderen schelten. Wo weiter nördlich oder östlich angesiedelte Volksstämme mit barschen Lauten und gebellten Konsonanten ihr Missfallen ausdrücken, schleicht das schwäbische Schimpfen und Tadeln auf Samtpfoten daher.

Nehmen wir einmal den „Gloifi“. Da hat sich einer begriffsstutzig verhalten, tollpatschig sein Werk unverrichtet, sich einer unangebrachten Wortwahl bedient. Drei Silben – denn das vorangestellte „Du“ ist unverzichtbar – und die Dinge sind klargestellt. Dass der Begriff von den Agilofingern abgeleitet ist, dem grobschlächtigen ersten bayerischen Herrschergeschlecht, berührt uns dabei nur am Rande. Wir wissen, was und wer gemeint ist.

Nuancen milder in den Senkel gestellt darf sich fühlen, wem das Attribut „Soifasiadr“ zuteil wird. Während der so Bezeichnete selbst davon ausgeht, dass er lediglich mit gebührender Sorgfalt und Bedachtsamkeit zu Werke geht, empfinden ihn seine Opfer als über Gebühr beschränkt sowie die Zeitspanne zwischen Beginn und Abschluss seiner Dienstleistung als übertrieben ausgedehnt. Zumal sie meist selbst zum untätigen Zuschauen verurteilt sind, möchten sie dem Gemächlichen sein Zeug am liebsten aus der Hand reißen. „Na ka ich’s ja glei selbr macha.“ Immerhin hat er es geschafft, von Schiller in „Wallensteins Lager“ verewigt zu werden.

Ein Sonderfall ist der „Hirabecker“. Ein Kopfmensch durch und durch ist er nicht gefeit gegen die Irrungen und Wirrungen des Alltags. Begeistert und von Überzeugung getrieben kommt er mit seinen Einfällen und Versuchsanordnung überallhin, allen in die Quere und nie zum Ziel. Anders als der „Soifasiadr“ legt er gelegentlich doch Tempo an den Tag, das jedoch in den seltensten Fällen zielführend ist. Kommt halt davon, wenn einer seine Semmeln nur im Hirn bäckt und nicht im Ofen. Anders als der „Gloifi“ tritt er wenigstens keinem zu nahe. Er nervt nur.

Bleibt der vermeintlich Harmloseste von allen, der „Drialar“. So langsam wie die Spucke aus dem Butzele seim Mund, so zögerlich und weltvergessen läuft er durchs Leben. So lange er läuft, stört er auch keinen. Erst wenn er zum automobilen Hindernis wird, fällt er auf. Dann aber so unangenehm, dass selbst Schwaben harsche Worte finden …

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