Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Category: Diagnose „D“

Eine Bitte, keine Formel

Was will uns dieses Wort sagen?

Was will uns dieses Wort sagen?

„X hat sich für sein Verhalten/seine Äußerung entschuldigt.“ Ein Satz, den man in jüngster Zeit häufiger hört. Vor allem in den Nachrichten. Denn die Vorfälle häufen sich, von denen bekannt wird, dass da jemand in irgendeiner Form schuldig geworden ist. In der Regel dessen, dass er (ja, die „sies“ sind da in der Minderheit) zuerst das Maul aufgerissen und erst danach das Hirn eingeschaltet hat.

Weil in der kommunikativen Welt der 2010er Jahre kaum noch etwas (Halb-)Öffentliches unbemerkt, undokumentiert und unveröffentlicht bleibt, verfangen sich immer mehr Zeitgenossen im Status einer Verfehlung gegen a) die öffentliche Meinung, b) den gesellschaftlichen Konsens, c) die guten Sitten oder d) gegen gute Manieren. Insbesondere c) und d) lassen dann den Druck entstehen, das dafür gefälligst eine Entschuldigung fällig sei. Wozu sich die vermeintlich reuigen Sünder dann aus unterschiedlichsten Motiven heraus dann auch hinreißen lassen: „Ich entschuldige mich für …“

Das geht so natürlich gar nicht.

Sich selbst aus der Schuld zu entfernen mag bequem und effizient erscheinen. Zulässig ist es nicht. Legitim ist aus meiner Sicht nur die Formel: „Dafür bitte ich um Entschuldigung.“ Anschließend ist es Sache der a) Öffentlichkeit, b) Gesellschaft oder c) individuell Betroffener, diese Bitte anzunehmen und dem reuigen Sünder zu vergeben. Ich halte den Faktor „Reue“ in der Tat für den entscheidenden, wobei mich meine katholische Erziehung beeinflussen mag: „In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden“, heißt es am Anfang der Beichte.

Man mag von mir aus darüber streiten, ob eine solche Unterwerfung missbraucht worden ist und bis heute missbraucht werden kann. Aber der Umstand, dass da einer mit geneigtem Haupt vom hohen Podest des Danebenbenehmens heruntersteigen oder sich aus dem grellen Licht von Lügen oder unberechtigten Vorwürfen herausbewegen muss – das erscheint mit als eine Grundlage dafür, dass ihm Ent-Schuldigung zuteil wird. So einfach, dass er sich selbst einen Persilschein ausstellt und meint, damit alles wieder zum Guten geregelt zu haben, so einfach darf es sich keiner machen. Dass auch gehört werde, wer die Bitte um Entschuldigung annimmt und sie bejaht, ist das Mindeste.

 

Stollensichtung 2016

Dominosteine sind schon da, gefüllte Lebkuchenherzen auch, aber die ersten Christstollen im Supermarkt lassen dieses Jahr erstaunlich lange auf sich warten. Vermutlich liegt es daran, dass die Außentemperaturen einfach noch um so viel zu hoch sind, dass selbst ausgesprochen hartgesottene Konsumente davor zurückschrecken, sich jetzt schon die ersten Scheiben pudergezuckerte Weihnachtsbäckerei einzuverleiben. Auch die Boxen und Stapel der bereits angebotenen Saisonwaren wirken weitgehend unberührt.

Nachtrag: Auf die Nachbarn in Tirol ist Verlass. Bei einem Besuch beim M-Preis in der Tiroler Zugspitz Arena ergibt sich die erste Stollensichtung anno 2016. So spät wie seit Jahren nicht mehr.

Die Wort-Wiederholungs-Vermeide-Maschine abschalten

Wenn es einen nachhaltigen pädagogischen Erfolg von vielen Generationen Deutschlehrern zu beobachten gibt, dann sind es jene unterringelten, mit einem roten „W“ markierten Worte in Schulaufsätzen. Kaum eine andere Verkehrssprache, in der es ähnlich verpönt ist, das gleiche Ding mehrfach hintereinander mit dem gleichen Begriff zu benennen. „Wortwiederholung“, das haben wir gelernt, ist pfui.

Gerade im Journalismus wirkt sich dies massiv aus – mit Folgen von „albern“ über „absurd“ bis „missverständlich“. Ein Beispiel für „albern“ ist der gern bemühte „Floriansjünger“, wenn zuvor schon einmal vom „Feuerwehrmann“ die Rede oder Schreibe war. Andere Fälle, in denen Patrone oder Ersatzheilige herhalten mussten, haben sich erledigt, weil nachwachsende Generationen gar nicht mehr wissen, dass es sie gibt. Den „Nimrod“ in der Welt der Jäger hat dieses Schicksal genauso ereilt wie den „Gambrinus“ bei den Brauern.

Als extrem störend empfinde ich das selbst auferlegte Wort-Wiederholungs-Verbot bei Nachrichten über Flugzeugunglücke. Statt von einem Flugzeug ist da gern von einer „Maschine“ die Rede. Dieser Begriff ist entweder angeberisch – „Ich nehme die Vier-Uhr-Maschine“ – oder überaltet: „Flugmaschinen“ nannte man die Gebilde zu Zeiten der Brüder Wright, während fortschrittliche Erfinder wie Boeing oder Dornier schon längst Flugzeuge aufsteigen ließen. Als zusammengesetztes Wort bringt die Maschinen-Masche dann endgültig Unfug hervor. Während eine Küchenmaschine so heißt, weil sie in die Küche gehört, oder eine Schleitmaschine so benannt ist, weil sie Schleifarbeiten erledigt, gehören „Passagiermaschinen“ weder den Reisenden noch bearbeiten sie selbige. Das gleiche gilt dann auch bei den Besitzverhältnissen. Keiner würde von einer „Daimler-Benz-Maschine“ sprechen, während die „Air Berlin-Maschine“ gang und gebe ist.

Wer die Freiheit oder Pflicht hat, einen gut verständlichen Text zu schreiben, sollte daher im Wiederholungsfall seinen Deutschlehrer ausblenden und die Wort-Wiedeholungs-Vermeide-Maschine abschalten. „Quod dixi, dixi“ hat mein alter Mathelehrer in Anlehnung an ein Zitat des Pontius Pilatus gern gesagt – nicht „betont“, nicht „unterstrichen“, nicht „angemerkt“. Nein: „Gesagt ist gesagt.“ Mathematische Nüchternheit ist mitunter der Sprache zuträglicher als philologische Kunst. Den Maschinen übrigens auch.

Meinung? Gern.

Weil ich online nicht ausschließlich über diesen Blog kommentiere, hier eine kurzes Meinungsbild meinerseits, wie ich es dem geschätzten Portal B4B WIRTSCHAFTSLEBEN SCHWABEN in jüngster Zeit anvertraut habe.

Da war jene vorübergehend hockochende Diskussion quer durch die einschlägigen Erregungs-Foren, ein deutsches Eisenbahnunternehmen wolle Frauenabteile einführen, bei der mal wieder kaum einer der Aufgeregten zu Ende recherchiert hatte.

Fragwürdig ist aus meiner Sicht, wie verkrampft mitunter Unternehmen versuchen, nach Fusionen, Umwandlungen oder anderweitigen, für Außenstehende kaum wahrnehmbaren Veränderungen sich einen neuen Namen zu geben – der auf den schnellen Blick verlockend wirkt, sich dauerhaft aber nur schwer verdauen lässt.

Warum Kaufprämien für Strom-Autos nicht zum Ziel führen und daher Germany’s next topmodels nicht mit einem „E“ beginnen, ergibt sich nach meinem Dafürhalten bei genauer Betrachtung fast von selbst.

Die persönliche Komfort- und Bequemlichkeitszone verändert die Welt der Logistik – und die Lebensqualität in unseren Städten. Daran habe ich keinen Zweifel.

Recht eingeschenkt

Vor rund zwei Wochen hat das Oberlandesgericht München Recht gesprochen in einem Namensstreit. Dabei wurde einer Rosenheimer Brauerei untersagt, eine ihrer Sorten „Chiemseer“ zu nennen, weil diese geografische Namensgebung den Verbraucher in die Irre führe. Rosenheim liege nicht am Chiemsee. Damit hat die klagende Zentrale zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs rechtbekommen, die das moniert hatte.

Zeitgleich wurde dem Grafinger Wildbräu der Gebrauch der Marke „Klosterseer“ weiterhin gestattet, weil es eben in Grafing einen Klostersee gibt, wie Eishockeykenner sehr wohl wissen. Da hatte das klagende Brauhaus Tegernsee, das einen Klostersee nur innerhalb der eigenen Gefilde unterstellte, wohl nicht genau genug in den Atlas geschaut oder einen zu großen Maßstab verwendet.

Wenn wir die Thematik verfeinern und nach weiterem Klagepotential durchforschen, stoßen wir am Grunde von Glas und Faß auf Bedenkliches. Wieviele Mönche einschlägiger Ordenszugehörigkeit stehen an den Sudpfannen von „Augustiner“ und „Franziskaner“? An welchem Hof wird das Münchner „Hofbräu“ gebraut? Welcher Teil der gleichnamigen Raubkatzen werden im „Löwenbräu“ verarbeitet? Befinden sich unter den Herstellern von „Radler“ u.U. auch Fußgänger?

Wahre Bierfreunde haben es leicht. Sie wenden hier zu Recht ein, dass es auf den Geschmack ankommt, nicht auf den Namen. Streithansel hingegen werden stets ein Haar im Biersud finden, um die eigene Ungenießbarkeit zu begründen. Darauf ein Pfaffenberger!

Dünne Luft für den „Butterbrezeneffekt“

Nose in in MUC (C) Ulrich Pfaffenberger

Nose in in MUC (C) Ulrich Pfaffenberger

Vor ein paar Tagen hat das Statistische Bundesamt seine Zahlen zum Luftverkehr in Deutschland 2015 veröffentlicht. „Im Jahr 2015 starteten oder landeten insgesamt 193,9 Millionen Fluggäste auf deutschen Flughäfen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, war dies ein Zuwachs von 7,5 Millionen Passagieren oder 4,0 % gegenüber 2014“, heißt es in der dazugehörigen Pressemitteilung. Weiter schreibt das Amt: „Wachstumsimpulse gingen dabei vor allem vom Auslandsverkehr aus, dessen Passagierzahlen sich gegenüber 2014 um 7,1 Millionen (+ 4,4 %) auf 170,8 Millionen erhöhten. Im Inlandsverkehr stieg die Anzahl der Fluggäste dagegen nur um 0,4 Millionen (+ 1,5 %) auf 23,1 Millionen.“

Es lohnt sich, den Asprekt „Auslandsverkehr“ näher zu beleuchten. Denn seine verschiedenen Aspekte laden zur Differenzierung ein. Da sind einmal die Reisenden, die aus dem Ausland kommend, in Deutschland eintreffen. Ihr Besuch ist nicht nur aus Gründen der Völkerverständigung positiv zu bewerten; jeder ankommende Fluggast trägt zur Entwicklung unserer Wirtschaft bei. Der eine kauft vielleicht nur eine Butterbreze vor dem Weiterflug. Dafür steckt der andere ein paar Millionen in die neue Niederlassung seines Unternehmens in unserer Nachbarschaft. Die löst einen Butterbrezen-Effekt bei neuen  Mitarbeitern, Zulieferern, Dienstleistern, Einzelhändlern, Immobilienmaklern usw. aus, die sich dank des wachsenden Geschäfts eine zusätzliche Zwischenmahlzeit gönnen können. (Die Luftfracht, die „made in Germany“ weltweit verfügbar macht, sei hier nur am Rande des Flugfelds erwähnt.)

Da sind aber – andererseits – auch die Deutschen, die ins Ausland fliegen. Den Titel „Reiseweltmeister“ haben wir zwar verloren, aber ferne Länder sehen wir uns noch immer gern in großer Zahl an. Wobei: Von manchen dieser Länder sehen wir nur den Flughafen, an dem wir umsteigen. Die Folgen davon sind an den Wachstumszahlen der heimischen Airports zu erkennen. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Matthias von Randow, formuliert das so: „…während die Starts europäischer Netzwerkcarrier an deutschen Flughäfen um 19,8 zugelegt haben, sind die von deutschen Fluggesellschaften um 6,2 Prozent zurückgegangen… Am größten deutschen Flughafen Frankfurt/Main z.B. lag das Passagierwachstum in den letzten fünf Jahren bei 15 Prozent. In Amsterdam hingegen bei 34 Prozent, in Dubai bei 64 Prozent und in Istanbul sogar bei 91 Prozent.“

Oberflächlich betrachtet mag das für viele kein Anlass zur Sorge sein. Mancher Fluglärmgegner mag sogar überlaut jubeln ob des Exports der störenden Geräusche ins Ausland. Oder voller Genugtuung den Wunsch von Flughäfen nach Ausweitung ihrer Kapazitäten ins Reich der statistisch belegten Märchen verweisen. (Wobei gern und leichthin Ursache und Wirkung durcheinander geworfen oder in ihrer Wechselbeziehung ignoriert werden.) Man kann aber auch genau hinschauen und die Wettbewerbsnachteile für die hiesige Luftverkehrsbranche erkennen: unkalkulierbare Dauer von Genehmigungsverfahren, Luftverkehrsteuer oder die Luftsicherheitsgebühren, die hierzulande nicht der Staat trägt. (Die „Fluggastrechte“ in die Liste der Nachteile aufzunehmen, ist indes töricht vom BDL. Kommunikationspolitisch genauso wie inhaltlich sprechen sie für den Standort.)

Heute kann man diesen Nachteilen als Otto Normalfluggast noch durch ein Umsteigen im Ausland ausweichen. Morgen wird die „dünne Luft im Luftverkehr“ die deutsche Volkswirtschaft viel Geld kosten, wenn sie diese Nachteile ausgleichen will. Geld, das an anderer Stelle fehlt. Nicht nur für Butterbrezen.

 

Journalismusformel: Minus mal minus macht minus

Manche Entscheidungen im Journalistenleben scheinen auf den ersten Blick sehr einfach zu sein. Beim zweiten Hinsehen entpuppen sie bzw. ihre Folgen sich als höchst komplex. Im dritten Hinsehen wünscht man sich dann, man wäre anders vorgegangen. Dies ist inbesondere dann der Fall, wenn die journalistische Arbeit das reine Übermitteln von Nachrichten verlässt und eine Tendenz bekommt. Dies vorab.

Als Volontär habe ich einerseits die reine Lehre des Zeitungsjournalismus gelernt: Nachricht und Meinung gehören voneinander getrennt. Damit vermeide ich, meine Leser zu manipulieren. Andererseits hat mir die alltägliche Arbeit gezeigt, dass diese reine Lehre unmöglich einzuhalten ist. Denn schon die Entscheidung, womit ich eine Meldung beginnen lasse, welchen Umfang ich ihr zumesse, welche Position im Blatt, welche Qualität der Aufmachung (große oder kleine Schlagzeile, mit oder ohne Bild) ist nicht mehr auf rein sachlicher Basis zu begründen – mit Ausnahme des Faktums, dass der verfügbare Platz für Veröffentlichungen beschränkt ist. Ich wäge die auflaufenden Nachrichten auf Relevanz ab, auf Gewicht. Ich setze Prioritäten. Dabei folge ich meinem Urteil und meiner Erfahrung sowie der Meinung der Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktionskonferenz.

Sie sehen: Nachricht und Meinung zu trennen ist unmöglich.

Wenn eine große Tageszeitung daher der Meldung über die sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung von mehreren Dutzend Frauen während der Silvesternacht in Köln auf ihrer Titelseite nur eine kurze, im Konjunktiv gehaltene einspaltige Meldung „unter dem Bruch“ gewährt und den dazugehörigen Bericht auf der Panorama-Seite plaziert, also dem „Bunten und Vermischten“, und ihm dort etwa die Hälfte des Umfangs gewährt, den ein Bericht über in Eis und Schnee feststeckende Züge erhält, dann wirft das Fragen über die Meinung derer auf, die für diese (An)Ordnung verantwortlich sind.

Zumal gleichzeitig die Titelseite einen Vierspalter „Verbientes Gelände“ präsentiert, der sich damit befasst, wie in Afrika Insekten Elefanten von Feldern fernhalten sollen. Zumal gleichzeitig der Aufmacher der Panorama-Seite „Geliebtes Glühlicht“ über Berlin als „Welthauptstadt der Gaslaternen“ eine Wohlfühlatmosphäre ausstrahlt, die in direktem Kontrast zum Befinden der in Köln belästigten Frauen steht. Zumal nur verschämt und gegen Ende der Nachricht die Pflichtfrage „wer?“ beantwortet wird. Zumal die „Anreißer“-Meldung auf der Titelseite die Vorfälle in der Überschrift mit „Übergriffe“ relativiert, indem sie die Spezifizierung „sexuelle“ unterlässt.

Da ich weder der Redaktion angehöre noch Zugriff auf deren Meinungsgemengelage habe, bleiben mir nur Vermutungen. Sollte eine davon zutreffen, ist auch mein Wohlgefühl im gewählten Beruf stark beschädigt.

  • Es ist – trotz einschlägiger, umfassender Berichterstattung anderer seriöser Medien – zu einer krassen Fehleinschätzung gekommen, was die Schwere des Vorfalls angeht.
  • Die Redaktion hat versucht, durch die Marginalisierung der Täter und ihrer Herkunft eine bedrohte Bevölkerungsgruppe zu schützen, indem sie jenen keine „Munition“ liefern wollte, von denen diese Bedrohung ausgeht – und damit gerade die eigentliche Absicht torpediert, weil die unsaubere Berichterstattung genau diese „Munition“ liefern könnte.
  • Die Redaktion hält, im Jahre 3 nach #aufschrei, die titelseiten- und kommentarspaltentauglichen Altherren-Sprüche eines Politikers sexismustechnisch für gravierender als das tatsächliche, aggressive Betatschen von Frauen.
  • Die Redaktion überschätzt das Interesse an der afrikanischen Landwirtschaft.
  • Die Redaktion unterschätzt das Interesse an Situationen, die für Frauen bedrohlich sind.
  • Die Redaktion arbeitet mit Tendenz.

Der letzte Punkt ist der schlimmste. Denn er macht Nachricht und Berichtende angreifbar in ihrer Seriosität. Mit dem traurigen Ergebnis, dass minus (Information und Bewertung) mal minus (Vertrauen in das Urteilsvermögen der Leser) doch minus (Glaubwürdigkeit) ergibt.

tl;dr

Es gibt keinen harmlosen Sexismus. Es gibt keine weniger schlimmen Belästiger, egal welcher Herkunft Täter und Opfer sind. Und es dient nicht „der guten Sache“, etwas kleinzuschreiben, damit „die Bösen“ nicht Wasser auf ihre Mühlen bekommen – im Gegenteil. Die Wiederbelebung des sauberen, nachrichtlichen Journalismus bedarf dringend der Wiederbelebung einer klaren, von Formeln befreiten Sprache.

Wo sind wir denn da gelandet?

So sehr ich Helmut Schmidt als klugen Analytiker und weisen Staatsmann geschätzt habe und so sehr mich das Thema Luftfahrt berührt: Die Benennung von Flughäfen nach verdienten Politikern ist die falsche Form, den Verstorbenen posthum Ehre zu erweisen. Zumal die Düsseldorfer nun auch nicht mehr an sich halten können und ihren Airport nach Ex-Landesvater und Ex-Bundespräsident und Ex-Bankflugbereitschaftsnutzer Johannes Rau benennen wollen.

Haltepunkt oder Gedenkmal?

Zwar haben wir es da mit einer guten (nicht nur deutschen) Tradition zu tun, die sich in der Namensgebung für Straßen und Plätze in unseren Städten und Dörfern widerspiegelt. Besonders großartige Geehrte bekommen ihr Gedenken folglich an Haltepunkten von größerem Format verpasst. Weil Bahnhöfe dafür nicht vorgesehen sind und Häfen nicht überall vorhanden, bleiben nur die Flughäfen. Schauen wir uns um: Die Erinnerung an Konrad Adenauer überlebt in Köln-Bonn, Stuttgart widmet seinen Airport dem lieben Manfred Rommel und Willy Brandt darf sich als Patron den BER ans Gedenk-Bein binden.

John F. und die Folgen

Ohne jetzt die einschlägige Geschichtsschreibung zu bemühen, hat das alles mit John F. Kennedy begonnen, zu dessen Gedenken der New Yorker Übersee-Flughafen einen neuen Namen bekam, der mittlerweile sogar dessen offzielles Kürzel ist: JFK. Ein anderer Dreibuchstaber hat’s nicht so weit gebracht: MUC ist noch immer MUC und nicht FJS. Zur Freude nicht zuletzt der Ausbaugegner, die sonst nicht als „aufgeMUCkt“ aufträten, sondern vielleicht als „FJSser-Disser“.

Wer fliegt: Dürer oder da Vinci?

Ich bin nicht sicher, ob andere Namensgeber eine glücklichere Wahl sind. „John Lennon“ in Liverpool, „Albrecht Dürer“ in Nürnberg und „Robin Hood“ in Sheffield sind sicher gut gemeint. Aber mit der Fliegerei hat das alles nichts zu tun. Da lobe ich mir Berlin-Tegel mit „Otto Lilienthal“, Rom mit „Da Vinci“, Dayton mit seinem „Wright Brothers Airport“ oder San Diego mit dem „(Charles) Lindbergh Field“. Das zeugt von Geschichtsbewusstsein und passt zum Thema.

Namen sind nicht alles

Mein Haupteinwand gegen die Benennung von Flughäfen nach Politikern ist jedoch die Vergänglichkeit alles Irdischen. Wie gehen wir damit um, wenn unser Reiseziel sich als Namenträger eines Diktators oder Tyrannen erweist? Wo kommen wir hin, wenn es auch auf diesem Feld einmal einer Frauenquote bedarf? Was soll passieren, wenn mal eine(r) kommt, der noch ehrbarer und wertvoller für sein Land gehandelt hat? Werden für diese Personen dann neue Flughäfen gebaut? Oder die alten umgetauft? Erst kürzlich hat die Lufthansa dem Airbus A380 „San Francisco“ seinen schönen Namen wieder weggenommen, damit ihn die Kanzlerin neu auf „Deutschland“ hat taufen können. Auch kein freundlicher Zug.

Nennt die Flughäfen also lieber nach den Orten, zu denen sie gehören. Dann weiß jeder, wo(ran) er ist.

 

Ein Mann mit Format: Helmut Schmidt

An den 1. Oktober 1982 erinnere ich mich wegen zwei Dingen. Es war mein erster Arbeitstag als Journalist. Es war ein Freitag, ich saß im Intercity von Würzburg nach Augsburg, als der Zugbegleiter durchsagte, dass soeben im Deutschen Bundestag durch ein Mißtrauensotum der Bundeskanzler Helmut Schmidt abgesetzt worden sei und jetzt Helmut Kohl die Regierung führe. Ein Raunen ging durch den Großraumwagen. Es folgte dann eine sogenannte geistig-moralische Wende, die überflüssig war wie ein Kropf. Das zu verstehen hat viele Jahre gedauert, in denen ein von parteipolitischen Bürden befreiter Helmut Schmidt viel zu diesem Verständnis beigetragen hat. Einen Nachruf auf ihn habe ich auf B4BSchwaben.de veröffentlicht.

Warum das Bargeld zu schützen ist

Seit vor einigen Monaten die Schweden angekündigt haben, künftig ganz auf Bargeld verzichten zu wollen, und der Wirtschaftsweise Peter Bofinger prompt ins gleiche Horn gestoßen hatte, dreht das Thema seine Runden durchs Internet. Der Gedanke an eine künftige Zeit ohne Bargeld, so steht es in und zwischen den Zeilen, ist vielen Menschen unheimlich. Wie bei vielen anderen liebgewordenen Traditionen auch, die im Zuge von Globalisierung, Europäisierung, Digitalisierung und Automatisierung schon von der Bildfläche verschwunden sind, wehren sich die potentiell Betroffenen mit Vehemenz.

Bargeldlos ist nicht kostenlos

Und sie haben Recht, dies zu tun. Allen voran sollte die Wirtschaft, insbesondere der Einzelhandel, sich dem Protest anschließen. Warum? Weil dieser Vorschlag den Giganten am Markt in die Hände spielt und den Kleinen und Spezialisierten an die Substanz gehen wird. Mag auch heute schon der eine oder andere darüber klagen, dass die Sicherung und der Transport von Bargeld zu hohe Kosten verursachen, so ist doch auch klar, dass bargeldlos auch nicht kostenlos sein wird. Schon heute stellen die Hausbanken jeden entsprechenden Posten in Rechnung.

Konzentration der Datenmacht

Viel kritischer ist jedoch ein anderer Aspekt zu sehen: Wer über die (Bezahl-)Daten verfügt, hat die Macht. Da sich dieses Datenvolumen auf wenige Dienstleister konzentrieren wird, bekommen diese einen beherrschenden Zugang zu Kundeninformationen – und die anderen müssen sich mit Brosamen begnügen oder kräftig für die Teilhabe am Wissen blechen.

Es geht aber auch um die Kultur im Umgang mit Geld. Denken Sie zunächst, wie ich, an den Spontankauf an der Eisdiele, die schnelle Fischsemmel auf dem Jahrmarkt oder den Schokoriegel aus dem Automaten am Bahnsteig? Nun ja, das ließe sich sicher irgendwie bargeld- und kontaktlos noch darstellen. Die Kassensysteme in den Bundesligastadien machen es ja schon vor, wie’s geht. Aber was ist mit dem Euro für den Bettler an der Straßenecke? Was mit der kleinen Opferkerze vor Maria Knotenlöserin? Mit der spontanen Belohnung für den rasenmähenden Neffen?

Kinder und Randgruppen mittellos?

Mal ganz abgesehen von Datenschutz und Datensicherheit sowie informationeller Selbstbestimmung: Die Abschaffung des Bargelds bedeutet einen massiven Eingriff in die Freiheit jedes einzelnen. Unmündige Kinder, die keine Bezahlkarten und dergleichen nutzen dürfen, wären buchstäblich mittellos, soziale Randgruppen ohne Kontoverbindung ebenfalls. Wollen wir das? Der Verdacht drängt sich auf, dass die letzte Verknüpfung des Begriffs „Sparen“ mit greifbaren Werten gekappt werden soll…

Bewusstsein für verfügbare Mittel schwindet

Zudem eine weitere Gefahr im Raum steht: Geld, das nicht sichtbar ist, wird abstrakt, eine Zahl auf dem Display. Das Bewusstsein für „es wird knapp“, das sich beim Blick in eine entleerte Geldbörse erwacht, wird schwinden. Wir brauchen nur einen Blick in die Schuldnerberatungen – und in die Zentralbanken und Börsensäle – zu werfen, um die wuchernden Folgen von verzocktem virtuellem Geld zu sehen.

Die Argumente gegen das Bargeld, die sich auf den Kampf gegen Schwarzarbeit, Geldwäsche und andere Straftaten berufen, mögen wohlfeil sein. Die Eliminierung von Münzen und Scheinen jedoch ist der falsche Weg, um diesen Kampf zu führen.

Hinweis: Dieser Kommentar ist ähnlich schon Ende Mai auf B4BSchwaben.de erschienen.