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Category: Lesen

Wie Luke Howard unseren Himmel veränderte

Richard Hamblyn: Die Erfindung der Wolken. Suhrkamp TB ISBN 9783518455272

Richard Hamblyn: Die Erfindung der Wolken. Suhrkamp TB ISBN 9783518455272

Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
Der tüchtige Gehalt berufen wäre,
Steht Wolke hoch, zum Herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
Und, was Ihr fürchtet und auch wohl erlebt,
Wie’s oben drohet, so es unten bebt.

Kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe hat sich zu diesen Zeilen hinreißen lassen, der Wolkenform des Cumulus gewidmet. Eines von vier Gedichten, das er dem Briten Luke Howard gewidmet hat, jenem Mann, auf dessen Kategorisierung der Wolken bis heute die Meteorologie aufbaut. Eine „der außergewöhnlichsten Huldigungen, die je ein Wissenschaftler einem anderen gezollt hat“, schreibt Richard Hamblyn in seinem biografisch aufgebauten Wissenschaftsbuch „Die Erfindung der Wolken“.

Das Durcheinander am Himmel aufgeräumt

Es ist eine packende Erzählung, die gut das Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt. Denn Howard, von Beruf Apotheker, war es durch Beobachtung und Akribie gelungen, das vor seiner Zeit herrschende Durcheinander der Wolken- und Wetterbeobachtung aufzuräumen und mit einer allgemein verständlichen, universalen Struktur zu versehen. Cirrus, Stratus, Nimbus – die lateinischen Namen der Wolkenformen, verbunden mit genauer Beschreibung des damit verbundenen Geschehens waren der Standard, der bis dahin fehlte.

Verlorenes Prinzip des „Universalgelehrten“

Aus einem öffentlichen Vortrag anno 1802 in London entwickelte sich, Widerständen zum Trotz, die Grundlage für die Sprache der Wetterkunde. Darauf aufbauend wurden genauere Vorhersagen genauso möglich wie tragfähige Beschreibungen vergangener Ereignisse. Die Parallelen zu anderen Wissenschaftlern, die ebenfalls mit Althergebrachtem aufräumen und aus gefühlten Zuständen verifizierbare Fakten machten, werden bei jeder Zeile deutlich. Erstaunlich für heutige Leser dürfte auch Howards – heute verlorener – Ansatz Richtung Universalgelehrtheit sein, den er mit Goethe teilte: Als Pharmazeut übertrug er seine Lern- und Forschungsstrukturen auf andere Disziplinen und erzielte damit dort selbst Erfolge.

Prominente Fürsprache verhalt zum Durchbruch

Sichtbar wird indes auch, wie wichtig prominente Fürsprache in solchen Fällen ist. Hätte Howard nicht Goethes Begeisterung geweckt und diesen zum Propagandisten seiner Wolkensprache werden lassen – wohl hätte sich eine andere Bezeichnungs-Struktur durchgesetzt. Heutige Meteorologen sind überzeugt, dass die Klassifizierung des Franzosen Jean-Baptiste de Lamarck differenzierter und praktikabler gewesen wäre – sich gegen die Deutungsmacht Goethes jedoch nicht durchsetzen konnte.

Dem Lesevergnügen tut dies indes keinen Abbruch: Hamblyns Buch öffnet die Augen für Wissenschaftsgeschichte und Himmelsbilder gleichermaßen – und ist eine anregende Lektüre für jedermann. Offenbar aber nicht von so großem wirtschaftlichen Erfolg begleitet, dass aktuelle Auflagen verfügbar wären. Suchende werden indes antiquarisch fündig.

Seitenweise Reiseträume

Bücher vom und übers Reisen schüren seit jeher unsere Phantasie und Vorfreude, begleiten uns als anregendes Gepäck unterwegs oder befördern kostbare Erinnerungen. Eine Auswahl für die Saison.

Soeben erschienen ist Karsten Eichners Traumschiff Ahoi – Das Kreuzfahrt 1×1“ (ISBN 978-3-7822-1279-3). Ein idealer Einstieg in die Welt der Kreuzfahrt und ein unverzichtbares Kompendium für den Smalltalk an Bord. Es erzählt die Geschichte der modernen Seereise von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit, gibt Tipps zu Routen und Reedereien und berät bei der Schiffs- und Kabinenwahl. Ein augenzwinkerndes Lesevergnügen für Kreuzfahrt-Fans und alle, die es werden wollen.

Das Kochbuch „Stories of Menu – Historische maritime Speisen neu interpretiert“ (ISBN 978-3-7822-1266-3) widmet sich den Menüs historischer Seereisen. Der Hamburger Sternekoch Heinz O. Wehmann vom Landhaus Scherrer, Blankenese, hat die Gerichte der Bord-Speisekarten von einst für das Kochbuch modern interpretiert, Autorin Birgit Altendeitering-Tiggemann liefert spannende Anekdoten rund um die jeweiligen Schiffsreisen.

Die Zeit beherrscht das Leben der Menschen. Im Lauf der vergangenen 250 Jahre ist sie zu einer ungeheuer dominanten und drängenden Kraft geworden. Man glaubt, sie läuft davon, versucht, sie zu messen, zu kontrollieren, zu verkaufen, zu filmen, sie zu inszenieren, unvergänglich und sinnerfüllt zu machen. Doch wie sind die Menschen derart unter das Diktat der Zeit geraten und was lässt sich dagegenhalten? Leidenschaftlich, witzig und klug geht der preisgekrönte britische Autor Simon Garfield in seinem neuen Buch „Zeitfieber“ (ISBN 978-3-8062-3443-5) der Geschichte der Zeit nach.

Weil ihre weltfremden Künstler-Eltern 2005 ins legendäre Chelsea Hotel in New York („Das Hotel, in dem ich ohne Aufsehen morgens um vier mit einem Zwerg, einem Bären und vier Frauen aufs Zimmer gehen kann.“ Leonard Cohen) ziehen, wächst Nicolaia Rips auf inmitten von Bohemiens, Callgirls und Spinnern. Ständig werden auf den Zimmern Partys gefeiert, krumme Dinger gedreht, phantastische Geschichten als lautere Wahrheit verkauft. Mit wundervoller Komik und viel Humor erzählt Rips in „Alles außer gewöhnlich(ISBN 978-3-312-01018-9), wie sie die Normalität zu meistern lernte und sich ihren Platz im fast normalen Anderssein erkämpfte.

Reisen bringt das Bedürfnis mit sich, von seinen Reisen zu erzählen. Früher am gefürchteten Dia-Abend, heute mit einem endlosen Strom aus Posts, Pics und Messages. Mit dem Handbuch „Die Kunst, andere mit seinen Reiseberichten zu langweilen“ (ISBN 978-3-312-01021-9) von Matthias Debureaux lernt man, wie sich der Erlebnisbericht weiter ausbauen lässt, welche Wendungen uns ins optimale Licht rücken, und zwar noch vor der Abreise, während der Tour und nach der Rückkehr sowieso. Jeder darf sich wiedererkennen; unser Lachen über den albernen Touristen meint uns selbst. Unterhaltsam, böse und klug: In einer Mischung aus Satire und Kulturgeschichte erzählt Debureaux von einer der großen Schwächen unserer Gesellschaft und wie sie auf die Spitze getrieben wird.

Hinweis: Die Links auf dieser Seite führen auf die Bestellseiten des Online-Buchhändlers buch7.de, zu dem keinerlei geschäftliche Beziehungen bestehen. Ich unterstütze allerdings dessen Ansatz, aus seinem Gewinn 75% „an wertvolle soziale, kulturelle undökologische Projekte“ zu spenden – zumal die Kunden selbst Vorschläge machen können, wer das sein soll.

Treffen sich zwei Elemente im Buch

Sam Kean: Treffen sich zwei Elemente. S. Fischer Verlag ISBN 978-3-596-19580-0

Sam Kean: Treffen sich zwei Elemente. S. Fischer Verlag ISBN 978-3-596-19580-0

Es gibt Schulen, an denen zwar „Chemieunterricht“ stattfindet, an denen man aber nichts über Chemie lernt. Man kann das als kurzfristige Episode abtun und sich wichtigeren Dingen zuwenden. Man kann das bedauern, aber nichts daran ändern und in einem Aspekt des Lebens ungebildet bleiben. Oder man kann sich damit so lange nicht zufrieden geben, bis einem etwas widerfährt, das den ursprünglichen Mangel ausgleicht. 36 Jahre nach meinem Abitur ist mir das mit dem Buch „Treffen sich zwei Elemente“ von Sam Kean passiert. Jetzt weiß, welch weite Welt mir bisher verschlossen blieb, weil mir Chemie fremd war.

Anregende Übersetzung

Zunächst ein großes Lob an Stephan Gebauer, den Übersetzer des Buches. Er hat den lockeren, populärwissenschaftlichen Duktur von Science-Literatur „made in USA“ auf ansprechende Art ins Deutsche transferiert. Was eine Kunst ist, da einschlägiges Unterfangen mitunter in Albernheiten oder übertriebene Wortspielereien ausartet. In diesem Fall entspinnt sich ein anregender Dialog mit dem Autor über eine Materie, auf der sich der Leser erst zurechtfinden muss, aber sich von Anfang an direkt angesprochen fühlt. Da ist nichts Trennendes mehr auf der Sprachebene. Sehr gut.

Gelungene Dramaturgie

Wissenschaftsjournalist Kean geleitet uns kenntnisreich über das ebenso verlockende wie (für die meisten von uns) abstrakte Spielfeld des Periodensystems. Schritt für Schritt folgt er der Entdeckungsgeschichte der Elemente – sowohl wissenschaftlich als auch biografisch. Er ordnet die Entwicklung ein ins Weltgeschehen genauso wie in die menschlichen und zwischenmenschlichen Geflechte der beteiligten Forscherinnen und Forscher. Vom ewigen Scheitern des einen wie vom glücklichen Gelingen bei den anderen ist dabei ebenso die Rede wie von Sturheit und Streit, von Besessenheit und Ignoranz. Eine gelungene Dramaturgie also, bei der das Kernthema stets im Mittelpunkt bleibt, weil man jeder Zeile die sorgfältige Recherche anmerkt und die Absicht des Autors, seinen Leser klüger aus dem Buch zu entlassen, als dieser es betreten hat.

Inspiration fürs Vertiefen

Für mich war die Begegnung mit „Treffen sich zwei Elemente“ eine Bereicherung, die Lektüre entwickelte sich zum klassischen „page turner“ bis tief in die Nacht hinein. Seit Nancy Hathaways „Wie alt ist die Sonne und wie weit weg sind die Sterne?“, das einen ähnlichen biografischen Ansatz verfolgt, ist Sam Keans Buch aus meiner Sicht eine der gelungensten Einführungen in ein spannendes wissenschaftliches Feld. Ich habe danach Lust gehabt, mich tiefer mit Chemie zu befassen – und mit allem, was sie in unserem Leben bewegt. Was will man mehr von einem Buch?

Sam Kean: Treffen sich zwei Elemente … Verblüffende Geschichten aus der Welt der Chemie. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. S. Fischer Verlag. 9,99 €. ISBN:  978-3-596-19580-0

Literarisches Reisegepäck

FÜR LANDGÄNGE

Wann immer ein Schiff einen Hafen ansteuert, sehen die Passagiere mit Spannung dem entgegen, was sie dort erwarten mag. Mitunter verleihen Romane, die in den Hafenstädten spielen, der Vorfreude zusätzliche Kraft. Meine Auswahl taugt indes auch als eine ganz normale Reiselektüre.

SAVANNAH, Georgia U.S.A.

Vor der Küste Georgias springt der japanische Matrose Hiro Tanaka von Bord seines Schiffes. Was dann passiert, nicht nur weil verschiedene Kulturen aufeinandertreffen, erzählt geistreich und lebendig T.C.Boyle in „Der Samurai von Savannah“. Außerdem hat der Komponist James Pierpoint der Stadt mit der Uraufführung des Lieds „Jingle Bells“ anno 1857 Weltruhm beschert.

SKAGWAY, Alaska U.S.A.

Obwohl böse Zungen behaupten, die ehemalige Goldgräberstadt werde ausschließlich als Attraktion für Kreuzfahrer am Leben erhalten, bringt sie ihre Besucher doch direkt auf die Spuren des Gold-Rushs zum Klondike. Jack London wurde bei seinem Weg über den nahegelegenen Chilkoot Pass zu Erzählungen wie „Wolfsblut“ und „Lockruf des Goldes“ inspiriert.

ISTANBUL, Türkei

Mit „Kerraban, der Starrkopf“ hat Jules Verne eine zeitlose, treffsicher beobachtende Erzählung geschaffen, die fast schon britisch komisch ist. Weil ihm das neu erhobene Fährgeld über den Bosporus zu teuer ist, entscheidet sich Kaufmann Kerraban für eine abenteuerliche Reise mit der Kutsche rund ums Schwarze Meer.

BUENOS AIRES, Argentinien

Tango, Liebe, Verbrechen: „Dreimal im Leben“ von Arturo Pérez-Reverte erzählt eine Geschichte voller Sehnsucht und Eleganz. Durchweht von der Nostalgie nach einer Welt, deren Glanz verblasst und deren Melodie verklungen ist, beschwört der Roman den bittersüßen Zauber verstrichener Gelegenheiten und die lebenslange Liebe zweier Menschen.

QINGDAO, China

Die Hafenstadt in der Provinz Shandong im Osten der Volksrepublik blickt auf eine Geschichte zurück, in der deutsches Bier eine Schlüsselrolle spielte. Dietrich Sielaffs Tatsachenroman „Die Bierbrauer von Tsingtau“ berichtet Ereignisse aus dem damaligen deutschen Pachtgebiet Anfang des 20. Jahrhunderts.

KAPSTADT, Südafrika

Ein junger Holländer bricht in die Ferne auf, um sich aus der bürgerlichen Enge der Heimat zu befreien und seinen inneren Abenteurer zu entdecken. Otto de Kats Roman „Sehnsucht nach Kapstadt“ endet daher nicht am Kap der Guten Hoffnung, sondern führt eine bewegende Reise weiter nach Singapur und Yokohama.

BASRA, Irak

Hier nahmen sie ihren Ursprung, die legendären Reisen von „Sindbad, dem Seefahrer“. Seine Episoden sind eine der Säulen in den Geschichten aus 1001 Nacht – und bis heute um Potenzen ergiebiger als alles, was sich „Fantasy“ nennt.

DOVER, County of Kent, England

Das Land hinter den Kreidefelsen brachte viele Generationen von Seefahrern hervor. Einem von ihnen hat Cecil S. Forester ein literarisches Denkmal gesetzt und „Horatio Hornblowers“ Karriere vom Schiffsjungen zum Admiral während der Napoleonischen Kriege nachgezeichnet.

„Um zu überleben“

Anfang der 1990er Jahre habe ich für das inzwischen eingestellte Magazin HiFi-Vision ein Interview mit John Trudell geführt. Der hatte gerade sein Album „Aka Graffiti Man“ in überarbeiteter Form ein zweites Mal veröffentlicht. Es kam zu einem Gespräch, in dem ich mehrerlei lernte: Ein guter Musiker definiert sich nicht nur über seine Musik; über Indianer muss ich noch viel in Erfahrung bringen; es gibt immer eine Alternative.

Am meisten haben mich jene zwei Minuten bewegt, in denen John, Santee-Indianer und Vietnam-Veteran, von der Nacht erzählte, die sein Leben auf einen neuen Weg geschickt hatte. Was war passiert? Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg hatten ihn die Lebensumstände der Indianer in den USA so bewegt, dass er sich aufmachte, gegen die politisch Verantwortlichen vorzugehen. Als Mitglied und später Vorsitzender des American Indian Movement ging er an die Öffentlichkeit – unter anderem warf er dem dem FBI Vergehen gegen die Indianer vor. Anlässlich einer Rede zu diesem Thema verbrannte er die US-Flagge, „because we learned as soldiers that we have to burn the flag if it is disgraced“. Stunden danach ging sein Zuhause in Flammen auf. Darin verbrannten seine Frau, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter.

Dies ist der Ausgangspunkt für das Interview, das es online bisher nirgendwo zu finden gibt. Mir liegt daran, dass es (auch in der typischen Länge eines gedruckten Interviews) erhalten bleibt, um an John Trudell zu erinnern, der am 8. Dezember gestorben ist.

Wenn einer Ihre Biographie liest, dann könnte er auch auf den Gedanken kommen: Der Mann hätte auch Terrorist werden können statt Dichter und Sänger. Warum haben Sie sich so entschieden?

Wenn ich zurückschaue, dann hatte ich keine andere Wahl. Welche Gefühle ich auch damals hatte – ich hatte nicht die Energie, darauf zu reagieren. Ich verstehe das wirklich selbst nicht. Als alle diese Dinge geschahen, war Schreiben sicher das letzte, woran ich dachte. Aber vielleicht ist das der Grund, warum ich diesen Weg gegangen bin: Weil es das war, was ich am wenigsten erwartete. Man muß das auch ganz pragmatisch sehen: Wann immer ich versucht hätte, Rache zu üben, die Leute, die ich hätte erwischen müssen, an die wäre ich nie herangekommen.

War es vorher schon Teil Ihres Lebens, Lyrik zu schreiben?

Nein.

Als Sie damit anfingen, wollten Sie da nur schreiben, oder dachten Sie da auch schon daran, auch Musiker zu sein?

Auch nicht. Als ich zu schreiben anfing, hatte ich nichts anderes im Sinn als zu überleben. Ich habe auch nicht gezielt zu schreiben begonnen, sondern es ist einfach passiert. Ich wußte, daß unabhängig von Gründen, ich dadurch ein Ziel bekam, eine Richtung. Die hatte ich vorher nicht. Mit der Zeit entdeckte ich dann auch meine Fähigkeit, mit Worten etwas auszudrücken. Später dann dachte ich darüber nach, meine Worte mit Musik zu verbinden. Aber zunächst hatte ich all das nicht im Sinn.

Die Gedichte, die Sie schreiben – wollen Sie die einer möglichst großen Menge Menschen mitteilen oder möchten Sie entdeckt werden?

Als ich beschloß, das alles nach außen tragen, da war das meine Entscheidung. Wie die Leute das annehmen oder nicht annehmen wollten, das überließ ich ganz ihnen. Ich habe nicht nach denen gesucht, die mit mir übereinstimmen, und nicht nach denen, die etwas gegen mich haben.

Sie haben sich nicht wie ein Missionar gefühlt, der eine Botschaft verbreiten will?

No. Ich mußte mich selbst ausdrücken und das war der Weg, der mir dazu einfiel. Es war meine Reaktion auf die Ereignisse, danach nicht zu schweigen.

Glauben Sie nicht, daß viele Indianer schweigen, weil Ihnen die Worte fehlen? Oder weil sie Angst haben?

Ich glaube nicht, daß es Angst ist, oder daß sie nicht wüßten wie sie sich ausdrücken sollen. Denn unter uns können wir uns ganz gut darüber verständigen. Viele Leute verstehen nur nicht, wenn wir etwas ausdrücken wollen, weil sie erwarten, daß wir in ein bestimmtes Bild passen, das sie von uns haben. Und dann wird’s schwierig, denn du kannst nicht in irgendjemands Bild passen und gleichzeitig dein echtes Bild zeigen. Denn jene, die ein Bild wollen, verwehren der Wahrheit den Zutritt. Da muß man sich schon überlegen, ob man zu diesen Leuten überhaupt sprechen will, weil sie dich ja sowieso nicht verstehen.

Der Stamm der Hopi diskutiert gerade, ob sie nicht künftig grundsätzlich Besucher von allen Ereignissen fernhalten sollen, wo sie ihre Religion oder ihre Kultur zeigen. Wie stehen Sie zu diesen Überlegungen, zur Tradition überhaupt?

Ich respektiere diesen Standpunkt, denn das ist keine Show. Was sie tun, ist vermutlich das gesündeste für sie. Wenn die Leute kommen, um eine Show zu sehen, dann haben sie keinen Blick dafür, was wirklich geschieht. Und wenn man zuläßt, daß Fremde dazukommen, fotografieren oder mitschneiden, dann ist das Ganze aber nichts anderes mehr als eine Show. Die Hopis sind ja keine verschlossenen Leute, sondern gehen nach außen, um über sich zu berichten. Aber wenn sie ihre Kultur schützen wollen, muß man das akzeptieren. Wer eine Show sehen will, kann ja zu einem Powwow gehen. Das ist offen zugänglich und braucht kein großes Verständnis.

Wer sich Ihre CD anhört, der wird nicht viel von jener traditionellen indianischen Musik entdecken, wie man sie sich vielleicht erwartet, wenn man hört: Da singt ein Indianer. Dafür ist viel mehr weiße und schwarze Musik drin, als zu erwarten wäre.

Genau das war der Grund, warum wir’s so gemacht haben. Weil wir keinem Bild entsprechen wollten. Zu oft wollen uns Nicht-Indianer so sehen, wie es ihnen ihre Phantasie vormacht. Sie wollen unsere Wirklichkeit verdrängen. Da gibt’s einige bei uns, die sich dagegen wehren. Wir sind hier und jetzt. Wer auf die Worte der Lieder hört, wird merken, daß sie durch und durch indianisch sind. Wer romantische, stereotype Bilder sucht, ist bei uns an der falschen Adresse. Das kriegt er nicht von uns. Und wird, das sind inzwischen ziemlich viele. Ich weiß nicht, wie ich’s nennen soll: kulturelles Mißverständnis oder unabsichtlicher Rassismus.

Jesse R. Davis, ein Kiowa-Indianer: Hör zu, wie der Gitarre spielt. Das ist ein Indianer, der über seine Gitarre spricht. Keiner spielt wie er. Was mich beunruhigt, ist das jene, die mit uns sympathisieren, für unsere Zukunft genauso gefährlich sind wie unsere Feinde. Denn unsere Feinde mögen uns nicht, weil wir Indianer sind. Und unsere Sympathisanten mögen uns, weil sie ein Bild von uns haben, daß wir darstellen sollen. Wenn sie aber nicht akzeptieren, wie wir heute sind, dann können sie uns genauso gefährlich werden. Sie wollen uns in der Vergangenheit halten.

Ich mache mir Sorgen über den Drogenhändler auf der Straße. Ich muß mir Sorgen machen, über Leute, die Krieg wollen und Bomben auf Bagdad werfen. Ich muß mir Sorgen darüber machen, wie Frauen und Männer mit der Gesellschaft zurechtkommen. Das berührt mein Leben als Indianer genauso, wie wenn die Regierung Bäume umlegt. Was wir der Außenwelt klarmachen wollen, ist: Um uns eine Zukunft zu geben, müssen sie unsere Gegenwart anerkennen. Unsere Feinde wollen uns zerstören, unsere Freunde uns in der Vergangenheit halten – und beide verweigern uns unsere Zukunft.

Die Tatsache, daß Jessse R. Davis, seine Gitarre so spielt, wie er sie spielt: Der Mann ist Vollblut-Indianer und drückt seine Gefühle dadurch aus, wie er seine Gitarre spielt. Die Leute sollten sich dadurch nicht täuschen lassen. Ich könnte auch hingehen und ein Album machen mit nichts als trommeln und indianischer Musik. Können Sie sich vorstellen, wieviele Leute das aus dem Regal nehmen würden? Ganz wenige. Was wir machen, ist, die Hautfarbe aus dem Spiel zu lassen und menschliche Lebewesen anzusprechen. Und da ich alle Lyrik schrieb und Jesse alle Musik – dann ist das Album indianisch.

Gibt es viele Dichter, Schreiber, Musiker wie Sie unter den Indianern?

Die Zahl wächst. Vor 20 Jahren haben wir unseren Kampf um politische Rechte aufgenommen. Die Form dieses Kampfs hat sich geändert, wie drücken unsere Kultur heute vielmehr durch Kunst aus. Vor 15 Jahren gab es politische Aktivisten, heute gibt es Künstler. Immer mehr Indianer greifen zu Gitarren und Keyboards und diesen Dingen und drücken damit traditionelle und zeitgenössische Formen aus.

Es gibt zur Zeit viele Filme, die Indianer zum Thema haben, und in Deutschland gut ankommen, weil wir für Indianerfilme seit Winnetou etwas übrighaben. Was denken Sie darüber?

„Der mit dem Wolf tanzt“ und „Black Robe“ werden das deutsche Indianerbild weiter festigen. Ich kann mit beiden wenig anfangen, weil sie sich nicht mit unserer heutigen Realität auseinandersetzen. Vor ein paar Jahren gab es den Film „Powwow Highway“, der mir gut gefiel, weil er uns in die Gegenwart setzte. Er gab uns Leben in dieser Generation. Der nächste Film, der kommt, „Thunderheart“, folgt dieser Linie. Und ich denke er wird gut aufgenommen, weil er sich mit unserem politischen Kampf in dieser Generation befaßt und damit, was die Regierung mit uns angestellt hat.

Gibt es derzeit eine Stimme zugunsten der native Americans, die auch gehört wird und die etwas ändern kann? Haben die Indianer zum Beispiel in dem Konflikt zwischen Schwarz und Weiß noch eine Chance gehört zu werden?

Nein, da kümmert sich keiner drum. Eher sorgen sie dafür, daß unsere Probleme kein Ende nehmen, sie sind die Quelle dafür. Ein Kolonisator ist programmiert, dich zu kolonialisieren, aber nicht, sich um deine Probleme zu kümmern. Das ist die Situation, der wir uns in den USA ausgesetzt sehen. Wir haben zwar Sympathisanten, aber es ist keiner im System, der unsere Rechte schützt.

Gibt es nicht Staaten, wo die Indianer mit den Eindringlingen besser zurechtkommen als in anderen?

Das kommt drauf an, um was es geht und in welchem Staat es geschieht. Wenn der Staat irgendetwas entdeckt, was die Indianer haben und was der Staat braucht, dann ist zum Beispiel in Oklahoma nicht leicht dranzukommen. Mancherorts sind die Stämme kulturell stärker, anderswo schwächer. Die Navajos sind ziemlich stark und konnten in Arizona und New Mexico einiges durchsetzen. Die Indianer in Oklahoma hat der Staat um so ziemlich alles beraubt, was sie haben konnten. Das ist für mich eine Form von Apartheid: Jeder akzeptiert, daß die Indianer da sind, aber sie werden kurzgehalten in einem zweitklassigen Status.

An welche Gruppe richten sich Ihre Lieder zuerst? Wollen Sie anderen Indianer damit zu einer Identität verhelfen?

Es geht nicht so sehr darum, eine Identität zu verschaffen. Zunächst entstanden die Songs, um auszudrücken, was Jesse und ich zu sagen hatten. Wir wollten sagen: Da sind wir zwei Indianer in einer Gesellschaft von heute. Von diesem Punkt ausgehend sind die Songs für alle, für die sie Sinn machen. Und wenn Sie ansprechen, daß diesem Album die indianischen Elemente fehlen: Den Indianern gefällt’s. Es sind die weißen Menschen, die fragen „wo sind die Indianer auf diesem Album?“ Es ist nun mal so, daß wir ein paar Jahrhunderte lang uns der Sprache, der Kultur der Weißen ausgesetzt haben und nun einen Weg entdeckt haben, um uns auf diesem Weg ihnen verständlich zu machen. Aber jetzt wollen sie’s nicht hören, weil sie uns lieber in einer Weise sprechen hören, die sie nicht verstehen. Es ist schon ziemlich bizarr.

Also: Die Musik ist geschrieben für Menschen mit Stammesbewußstein (tribaly conscious people), nicht Rassenbewußte (racialy conscious)! Das kann jede Farbe sein, auch wenn keiner dieses Stammesbewußtsein als solches erkannt hat.

Viele Menschen sagen, der Verlust der Sprache würde die Indianer ihrer letzten Wurzel berauben. Die letzte Schlacht, die sie verlören, wäre die gegen eine überwältigende Kultur aus Micky Maus und Fernsehen. Ist es da nicht Teil der Lebensaufgabe für einen Dichter, das Gefühl für Tradition und Stammesbewußtsein aufrecht zu erhalten?

Das ist die Aufgabe eines jeden Individuums. Das ist doch das Problem unserer Gesellschaft, daß jeder möchte, daß ein anderer für sie die Aufgaben übernimmt. Es ist Ihre Verantwortung genauso, meine Kultur am Leben zu erhalten, wie es meine Aufgabe ist. Das kann nicht die Aufgabe einzelner sein. Und wenn wir das Gefühl haben, daß etwas verloren geht, dann müssen wir das akzeptieren. Es gibt eine Evolution. Ich mag die Tatsache nicht, daß unsere Erfahrung damit Genozid, Ausrottung heißt. Ich akzeptiere die Evolution. Aber ich entscheide, was ich verliere. Das lasse ich keinen anderen entscheiden. Und ich entscheide, was für Veränderung und was für Verlust steht. Ich wäre besorgt, wenn ich nicht länger über eine spirituelle Identität verfügte. Wenn ich nicht mehr wüßte, wie ich zu beten habe, wie ich Rücksicht zu nehmen habe, wenn ich nicht mehr weiß, daß die Erde meine Mutter ist – dann würde ich vermutlich einen Verlust fühlen. Jetzt gerade fühle ich mich verändert. Ich kenne meine spirituelle Gegenwart und ich spüre die meiner Vorfahren und das, was sich für die Zukunft daraus entwickelt. Wenn ich’s so sehe, bin ich ein Produkt der Evolution. Ich fühle mich deswegen aber nicht verloren. Ich bin erst dann ein wirklicher Verlierer, wenn ich die Existenz der Evolution bestreite. Dann werde ich rigid…… und kann mich nicht mehr an die Wirklichkeit anpassen, wie es die Menschheit immer schon getan hat. Es ist mein Pech, daß ich in einer räuberischen Gesellschaft lebe, das zehrt an der Spiritualität der Menschen. Aber soll ich deswegen die Wirklichkeit bestreiten, mich den Räubern auf dem Präsentierteller stellen und mich verzehren lassen?

Sie sprechen von einer Sprache, die alle verbinden soll. Kann das die Musik sein?

Sie ist’s schon.

Sind sie sicher?

Alle Musik kann das, wenn sie die Gefühle und Wahrheiten einer Gesellschaft ausdrückt.

Was halten Sie dann von Nationalhymnen?

Nonono. Die Frage war, „kann“ die Musik? Ja, sie kann. Aber ich habe keine Ahnung von Nationalhymnen, weil ich sie noch nie beachtet habe. Ich glaube nicht daran und weiß, daß das alles Propaganda und Müll ist. Das hat nichts mit Wahrheit und Gefühlen zu tun. Das hat mit Verhaltensveränderung zu tun, mit Gehirnwäsche. In diesem Fall wird Musik nicht als Sprache der Gefühle verwendet, sondern als Kontrollinstrument. Aber das verhindert ja nicht, daß Musik als die eine, gemeinsame Sprache verwendet werden kann. Schau doch in die Geschichte: Jede Epoche und jede Gesellschaft hatte ihre Lieder. Und immer wenn einer versuchte, über die Musik die Kontrolle zu gewinnen, dann hat er die Musik verändert. Aber die Musik kommt immer wieder zum Leben.

Werden die indianischen Lieder einmal verlorengehen?

Nein.

Wer wird sie am Leben erhalten?

Indianer.

Aber von denen gibt’s doch immer weniger…

Das könnte ein falscher Eindruck sein. Wir sind unterdrückt, Genozid arbeitet gegen uns, aber wir sind noch immer da. Und wir haben noch immer unsere Einflußmöglichkeiten. Du kannst nicht alles behalten, was du je gehabt hast, und mit dir nehmen. Ab und zu mußt du etwas zurücklassen, das ist Evolution. Ich kann in jede beliebige indianische Gemeinschaft in den USA gehen – und die Lieder werden da sein. Das Problem ist wieder einmal die nicht-indianische Sichtweise: Wir sehen nicht so aus, wie sie uns sehen wollen, also deuten sie das als Verlust. Vielleicht ist der wirkliche Verlust in der nicht-indianischen Gesellschaft, die verlernt hat zu sehen. Für die wäre es viel wichtiger, auf sich selbst zu achten, was sie verlieren. Ich kenne die Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, und kann mich darauf einstellen. Die Gefahr, daß es keine Zukunft für mich gibt, die verstehe ich sehr, sehr gut. Wenn die nicht-Indianer sich genauso gut auf die Gefahren ihres Lebens einstellen und sie erkennen würden, dann würde keiner von uns verlieren.

Welche Reaktion erwarten Sie auf Ihre Musik?

Meine Musik wird von jenen akzeptiert werden, die sich mit der Wirklichkeit abgeben, egal wo das ist. Wer sich mit romantischen Stereotypen befassen will, der wird Probleme damit haben. Aber das ist nicht mein Problem, sondern ihres. Ich bin kein Teil von Buffalo Bills Wild West Show und ich werde nicht singen und tanzen, wenn sie das wollen. Wenn ich’s mache, dann so wie ich will.

Futter für die Augen

Oben in der Halle 4.2 des Frankfurter Messegeländes, da sieht die Buchmesse noch ziemlich genauso aus wie früher. Zwar kommen auch die dorthin entrückten Wissenschaftsverlage – gerade die! – nicht umhin, das eine oder andere elektronische Medium am Stand zu zeigen. Gleichwohl scheint dort der Wert gedruckten Wortes noch Alleinstellungsmerkmal genug zu sein, um in aller Nüchernheit die Regale vollzustellen mit uniform aufgereihten Werken, bis zum Bersten gefüllt mit Grundlagenwissen und Erkenntnissen von Forschern rund um die Welt.

Auch dort, wo sich die internationalen Verlage tummeln, herrscht noch jene beschauliche Unbekümmertheit vor, die nur aus dem Umgang mit Büchern erwachsen kann, deren geduldiges Papier genauso geduldigen Personals bedarf. Insebsondere bei Briten, Kanadiern und Amerikanern prägt Zeitlosigkeit das Erscheinungsbild der Messestände und des Marketings. Das setzt sich in den Gesprächen fort, die zügig und intensiv sich zu Inhalten und Ideen hin entwickeln und von Lust an Tiefgang erfüllt sind.

Wogegen ich in Halle 3.0, wo sich die Elite des deutschen Verlagswesens tummelt, eingeladen werde, zum Beispiel einem Johann Lafer bei jener Tätigkeit zuzusehen, bei der er sich mir auch laufend im Konkurrenzmedium Fernsehen präsentiert: beim Kochen in der „Gourmet Gallery“. (Dass „Miele“ einen Stand auf der Buchmesse hat, der größer ist als der manch altehrwürdigen Verlagshauses ist eine Geschichte für sich.) Ich darf am Stand der geschätzten Süddeutschen lauschen, wie Heribert Prantl den anwesenden Buchautor Edmund Stoiber interviewt, der aus den alten Zeiten mit FJS selig berichtet. Und mir fallen Mütter auf, die ihre Kinder an den gefällig an der Standgrenze montieren Tablets parken, wo sie dann fingerfertig bunter Figuren über den Bildschirm scheuchen, dieweil ebenfalls bunte Kinderbücher, in denen sich Gedanken, aber nicht Figuren bewegen müssen, links liegen bleiben.

Das sind werbetechnische Auswüchse, die mich stören. Denn sie verdrängen die BUCHmesse-typischen Momente in der Wahrnehmung, lassen sie untauglich erscheinen, um größere Zahlen an Besuchern anzulocken. Andererseits bescheren sie ganz neue Freiräume, weil man sich dann zum Beispiel mit einem Harry Rowohlt zum persönlichen Gespräch unter vier Augen aufs Sofa setzen kann – der Gesprächsgast strahlte dann auch während der Zeit, die ich ihn beobachtete, eine Gelassenheit und ein Glück aus, das beneidenswert war.

Der Wandel ist nicht von heute auf morgen erfolgt. Er hat sich im Lauf der Jahre eingeschlichen. Der Bildschirm gewinnt, der Bücherschrank wird zum inszenierten Dekorationsartikel. Sternchen und Stars mit ihren geistergeschriebenen Verkaufsprodukten stehen nicht mit ihren gedruckten Worten im Mittelpunkt, sondern mit schönen Gesichtern, telegenen Gesten und wohlfeilem Geschwätz vor der Kamera. Futter fürs Auge, nicht minder aufdringlich wie bei einer Automobilausstellung. Gäbe es nicht die von Enthusiasmus und Bibliophilie getragenen Klein- und Kleinstverlage, in denen sogar noch so abseitige Dinge wie Dichtung ihren Raum finden, wäre die Buchmesse ein sterbenslangweiliger Ort.

Ein verräterisches Indiz für den gewandelten Charakter der Buchmesse ist ein modisches. Die Generation Zalando hat optisch das Übergewicht über die Baskenmützen, Strickpullover und Cordhosen von einst gewonnen. Die Population von High Heels in einem Gang einer Halle ist heute vielfach höher, als sie es einst auf dem ganzen Buchmessegelände war. Menschen, die ihr sauer Erspartes lieber für Bücher ausgeben als für Klamotten, die lieber in innere Werte investieren statt in äußere, sind dem Anschein nach selten geworden hier.

Was allerdings Mut macht: Genau diese Menschen, die aus Liebe zum Schreiben und zum Lesen selbst Literatur schaffen wollen, haben heute größere Chancen denn je, dies zu tun. Ob sie nun zum „Book on demand“ greifen oder zum „E-Book“, ob ihre Auflage im einstelligen Bereich bleibt oder durch glücklichen Zufall in Bestseller-Dimensionen vorstößt – das hängt heute nicht mehr von der Erkenntnis eines Lektors oder der Gunst eines Verlages ab. Sie können veröffentlichen und andere können es lesen. Mehr Markt war nie. Jedes Buch hat eine Chance. Die Augen brauchen nicht hungrig zu bleiben.

 

Fliegendes Leben

Alaind de Botton, Airport - Pressebild S.Fischer Verlag

Alaind de Botton, Airport – Pressebild S.Fischer Verlag

Eine Woche lang writer in residence am Weltflughafen London Heathrow – ich gebe zu, dass ich Alain de Botton schon nach diesem Hinweis auf dem Klappentext um diesen Auftrag beneide. Vom Eigentümer eingeladen, sieben Tage nach Lust und Laune das Leben im Flughafen zu betrachten, ausgestattet mit Zugangsrechten zu allen Bereichen: Wer auch nur ein bisschen Begeisterung für die Luftfahrt in sich spürt und alle anderen Optionen für einen Erlebnisurlaub schon ausgereizt hat, wird das Verlockende eines solchen Ausflugs erkennen. Den anderen, die der nimmermüden TV-Präsenz von Zöllnern und Jumbo-Kapitänen müde sind und die gern noch ein bisschen mehr über den unvermeidlichen Durchgangsort eines jeden erfahren möchten, der „Up in the Air“ geht, begegnet in diesem schon 2011 erschienenen Buch (Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-18737-9) ein wacher Beobachter der Menschen am Flughafen und dessen, was sie bewegt. Weil de Botton die Freiheit hat, jene anzusprechen und nach ihrem Woher und Wohin zu fragen, die wir Durchreisenden meist nur als optisches Element im Gesamtbild Airport wahrnehmen, entsteht auf den 122 Seiten ein anregendes Gedankenspiel mit Vertrutem und Fremden. Ein scharfer, aufmerksamer Beobachter ist hier am Werk, der es meisterhaft versteht, seine Gedanken und Analysen in wenigen Zeilen zu verdichten. Autor und Leser verschmelzen dank dieser Kunstfertigkeit zu einer Person, die eigenen Erinnerungen und Sichtweisen verbinden sich mit denen des Tagebuchschreibers zur Einheit neuer Perspektiven. Weil sich auch die Grenzen zwischen Tag und Nacht, zwischen Airport-Profi und reisendem Laien ganz unauffällig auflösen, verfliegt die Zeit bei der Lektüre. Umgekehrt aber greift der Alltag derer, die den Airport leben, so intensiv in die Ausnahmesituation „Flug“ ein, dass daraus eine Allegorie auf das fliegende Leben der Menschen von heute wird. Eine anregende Lektüre, nicht nur im Fluge. Die kleine Schwäche des Lektorats, das auf Seite 86 eine Firma „Boing“ durchgehen lässt, trübt das Lesevergnügen wirklich nur für wenige Sekunden.

Der Empfehlungsbrief

Der Schauspieler händigte dem Direktor einen Empfehlungsbrief ein.

Überbringer war darin als großartiger Schauspieler gerühmt.

Der Brief schloß mit den Worten: „- –  Er spielt Macbeth Hamlet, Shylock und Billard. Billard am besten.“

Eine von vielen wertvollen Anekdoten aus Sigismund von Radeckis „Das ABC des Lachens“, Band 84 aus der historischen ro ro ro-Serie und eines der besonders kostbaren Stücke in meiner Bibliothek. Nicht zuletzt wegen der in diesem Buche gepflegten Sprachkunst. Das Buch (ISBN gab es damals noch nicht, man suche also nach Autor und Titel) ist leider nur noch antiquarisch zu erhalten, gleichwohl höchst empfehlenswert.