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Meine Liste reisetauglicher Literatur findet sich, ständig ergänzt und aktualisiert, in der Rubrik „Lesen“ dieses Blogs: http://www.ulrich-pfaffenberger.com/?p=1077

Aus meiner Bibliothek

DAS ABC DES LACHENS. Ich habe dieses Buch vor vielen, vielen Jahren entdeckt. Ich war in dem Alter, in dem man sich für den väterlichen Bücherschrank zu interessieren beginnt und neben anderen vielversprechenden Werken wie Marcel Aymés „Der Mann, der durch die Wand gehen konnte“ stand dort der ro ro ro-Band 84 mit dem gelben Rücken und der Zeichnung mit drei skurillen Männern. Schon in der Biographie des Autors ganz vorne im Buch faszinierte mich die Tatsache, dass v.R. 1914 als Bewässerungsigenieur in Turkestan gearbeitet hatte, was sogleich weitere Recherchen in Meyers Konversationslexikon zwei Regale drunter nach sich zog. Der Untertitel des Taschenbuch „Anekdoten zur Unterhaltung und Belehrung“ mochte mich zunächst weder begeistern noch abzuschrecken. Ich lernte bei der Lektüre der 270 Seiten gleichwohl zu Lachen wie zu Gähnen (insbesondere über jene Witze und Schnurren (!), die zum Erscheinungstermin des Buches 1953 schon stark angejahrt waren), ich begegnete Sacha Guitry und Potemkin, erfuhr, wovon die Post lebte und wie man aus dem Fehlen eines Telegrafen ein Vermögen machen kann, ich machte mich mit dem seltsamen Humor von Juristen vertraut und mit den gewöhnungsbedürftigen Scherzen der Briten. Alles in allem ist mir dieses Buch so ans Herz gewachsen, dass ich gelegentlich Antiquariate stürme, um anschließend gute Freunde damit zu beglücken. Für jeden Smalltalk eine Bereicherung und für manchen Leitartikel eine Fundgrube, gehört das ABC zu den wertvollsten Schätzen meiner Bibliothek.

WAS ZU BEZWEIFELN WAR. Ich ordne dieses Buch der seltenen wissenschaftlichen Disziplin der „Philophysik“ zu. Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel widmen sich darin der Aufgabe, mit guten Argumenten ihre Zweifel zu belegen, dass es eine „objektive Wissenschaft“ gibt. Sie greifen dabei ein unbestrittenes wissenschaftliches Prinzip auf, indem sie Zweifel in den Raum stellen – etwa bei der Parapsychologie oder beim Regentanz – um anschließend den entkräftenden Gegenbeweis dazu zu suchen. Immer wieder gelingt es ihnen zu zeigen, dass vermeintlich letzte Weisheiten mitunter nur faule Kompromisse sind. Oder dass die menschlichen Sinne vermutlich nicht ausreichen, um alles wahrzunehmen, was nötig wäre, um einen einwandfreien Beweis zu führen. Allein schon ihre Überlegung wirft tiefgreifende Fragen auf, ob die zweite Durchführung eines Experiments nich schon deswegen zum Scheitern verurteilt ist, weil nach dem ersten Experiment sich die Welt, der Experimentierende und die Betrachtung des Experiments grundlegend verändert haben. Kritiker haben das Buch schnell kategorisiert und ihm mangelndes wissenschaftliches Fundament vorgeworfen. Dabei sind es die Fragen, die uns weiterbringen, nicht die Festlegungen. Für wissenschaftsinteressierte wie wissenschaftskritische Leser gleichzeitig findet sich hier eine überaus anregende Lektüre, die einen davor bewahrt, sich mit festgestellten Tatsachen zufrieden zu geben. (Hanser Verlag, ISBN 978-3-426-27485-9)

THE MEANING OF TINGO. Adam Jacot de Boinod hat aus aller Welt Worte zusammengetragen, die in der Akuratesse ihrer Aussage zwingend und singulär sind, Kronjuwelen der jeweiligen Sprache, nicht wenige davon unübersetzbar. Es macht ein Riesenvergnügen, auf dem Weg durch die Seiten dieses Buches unterschiedliche Kulturen kennenzulernen und zu sehen, wie Menschen diese Kultur zur Sprache machen. Weil das Buch in Englisch vorliegt, ist es hilfreich, wenn man in dieser Sprache über etwas bessere Kenntnisse verfügt, aber keine Voraussetzung, um aus der Fülle der Begriffe und Gedanken zu schöpfen, die dort versammelt sind. Gleichzeitig liefert das Buch nützliches Smalltalk-Wissen, etwas dass Hawaiianer über 47 Begriffe verfügen, die Bananen und ihre unterschiedlichen Arten und Aggregatszustände beschreiben. Oder dass Bienen in Afrikaans zoem-zoem machen und in Benghali bhonbhon. Ebenso erhellend wie entlarvend ist die Seite 51, auf der es unter der Überschrift The German Mindset von der Außenwirkung der eigenen Muttersprache handelt. Allein das Querlesen der hervorgehobenen Begriffe macht einen schon ziemlich nachdenklich: Schadenfreude, Betriebsblindheit, fisselig, Korinthenkacker. Aber man stellt auch fest, wie schrecklich missverständlich Sprache sein kann. Die Interpretation von „Scheißbedauern“ ist beim Autor buchstäblich „dumm gelaufen“. Machen Sie sich auf die Suche, die Bedeutung von „tingo“ wird Sie genauso amüsieren wie „slampadato“ oder „bodach“. (Penguin Books, ISBN 0-140-51561-5)

 

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