Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Tag: Politik

Wo sind wir denn da gelandet?

So sehr ich Helmut Schmidt als klugen Analytiker und weisen Staatsmann geschätzt habe und so sehr mich das Thema Luftfahrt berührt: Die Benennung von Flughäfen nach verdienten Politikern ist die falsche Form, den Verstorbenen posthum Ehre zu erweisen. Zumal die Düsseldorfer nun auch nicht mehr an sich halten können und ihren Airport nach Ex-Landesvater und Ex-Bundespräsident und Ex-Bankflugbereitschaftsnutzer Johannes Rau benennen wollen.

Haltepunkt oder Gedenkmal?

Zwar haben wir es da mit einer guten (nicht nur deutschen) Tradition zu tun, die sich in der Namensgebung für Straßen und Plätze in unseren Städten und Dörfern widerspiegelt. Besonders großartige Geehrte bekommen ihr Gedenken folglich an Haltepunkten von größerem Format verpasst. Weil Bahnhöfe dafür nicht vorgesehen sind und Häfen nicht überall vorhanden, bleiben nur die Flughäfen. Schauen wir uns um: Die Erinnerung an Konrad Adenauer überlebt in Köln-Bonn, Stuttgart widmet seinen Airport dem lieben Manfred Rommel und Willy Brandt darf sich als Patron den BER ans Gedenk-Bein binden.

John F. und die Folgen

Ohne jetzt die einschlägige Geschichtsschreibung zu bemühen, hat das alles mit John F. Kennedy begonnen, zu dessen Gedenken der New Yorker Übersee-Flughafen einen neuen Namen bekam, der mittlerweile sogar dessen offzielles Kürzel ist: JFK. Ein anderer Dreibuchstaber hat’s nicht so weit gebracht: MUC ist noch immer MUC und nicht FJS. Zur Freude nicht zuletzt der Ausbaugegner, die sonst nicht als „aufgeMUCkt“ aufträten, sondern vielleicht als „FJSser-Disser“.

Wer fliegt: Dürer oder da Vinci?

Ich bin nicht sicher, ob andere Namensgeber eine glücklichere Wahl sind. „John Lennon“ in Liverpool, „Albrecht Dürer“ in Nürnberg und „Robin Hood“ in Sheffield sind sicher gut gemeint. Aber mit der Fliegerei hat das alles nichts zu tun. Da lobe ich mir Berlin-Tegel mit „Otto Lilienthal“, Rom mit „Da Vinci“, Dayton mit seinem „Wright Brothers Airport“ oder San Diego mit dem „(Charles) Lindbergh Field“. Das zeugt von Geschichtsbewusstsein und passt zum Thema.

Namen sind nicht alles

Mein Haupteinwand gegen die Benennung von Flughäfen nach Politikern ist jedoch die Vergänglichkeit alles Irdischen. Wie gehen wir damit um, wenn unser Reiseziel sich als Namenträger eines Diktators oder Tyrannen erweist? Wo kommen wir hin, wenn es auch auf diesem Feld einmal einer Frauenquote bedarf? Was soll passieren, wenn mal eine(r) kommt, der noch ehrbarer und wertvoller für sein Land gehandelt hat? Werden für diese Personen dann neue Flughäfen gebaut? Oder die alten umgetauft? Erst kürzlich hat die Lufthansa dem Airbus A380 „San Francisco“ seinen schönen Namen wieder weggenommen, damit ihn die Kanzlerin neu auf „Deutschland“ hat taufen können. Auch kein freundlicher Zug.

Nennt die Flughäfen also lieber nach den Orten, zu denen sie gehören. Dann weiß jeder, wo(ran) er ist.

 

Ist da zusammengewachsen, was zusammengehört?

Lange hat’s gedauert, bis sich Union und SPD auf einen Koalitionsvertrag geeinigt haben. Sehr lange. Für einen, der Politik als einen lebendigen Prozesse versteht, der gestaltet, was zu gestalten ist, und ordnet, was zu ordnen ist, mutet es denkwürdig an, dass die Partner in beiden Lagern heute schon zu wissen meinen, worauf es in den nächsten knapp vier Jahren ankommt. Ein aufmerksamer Betrachter und Zuhörer dessen, was seit der Wahl an die Öffentlichkeit gedrungen ist und gezielt dorthin getragen wurde, erkennt in den propagierten Themen indes weniger eine Agenda, denn eine Abhandlung. Eine Abhandlung von Themen des Jahres 2013, vielleicht noch der ersten Monate von 2014.

Das umfangreiche Vertragspapier, das praktischerweise im Internet nachzulesen ist, lässt schon vom Umfang her ahnen, wie viele Klienten und Positionen zu bedienen waren, bis sein Inhalt unterschriftsreif war. Die Wortwahl macht dann erkennbar, dass das Abstrakte fast stets denr Vorzug vor dem Konkreten erhielt. Allein schon auf den ersten Seiten heißt es immer wieder „wir wollen“, nicht „wir werden“.

Coalescere heißt im Lateinischen „zusammenwachsen“, sinngemäß bedeutet es sogar noch mehr: gemeinsam heranreifen. Aber haben CDU/CSU und SPD so viel gemeinsam, dass sie miteinander wachsen können? Ist es erwartbar, dass beide miteinander oder aneinander reifen? Wollen sie das überhaupt? 187 Seiten Vertrag nähren der Verdacht, dass hier kein natürliches Zusammenwachsen zu erleben ist, sondern eines, das reichlich Kleister braucht, Wortkleister. Die konkrete Form des Vertrags windet sich um ein Gerüst von Abstrakta.

Deutschland ist ein wohlhabendes Land. Aber nicht so wohlhabend, dass es sich eine Regierung leisten kann, die ihre Arbeit nicht auf konkrete Pläne aufbaut, sondern auf Absichtserklärungen. Fast auf jeder Seite dieser Partitur zu einem Wunschkonzert ist erkennbar, dass viel Zeit vergehen wird, bis aus der papierenen Idee greifbare Wirklichkeit wird. So gesehen reicht die Perspektive in der Tat viel weiter als bis 2014. Aber ein verbindliches Ziel ist dort nicht zu sehen.

 

Deutschland, einig‘ Watschenland?

Wie so oft ist es die Sprache, die jene verrät, die Sanftheit auf der Zunge tragen und Gewalt im Herzen. Als vor einigen Tagen das Bundesverfassungsgericht das bestehenden bundesdeutschen Wahlrecht als nicht verfassungsgemäß bewertete, erscholl landauf, landab das Wort von der „schallenden Ohrfeige“, die – wahlweise – Schwarz-Gelb, die Regierung oder sonstwer in politischer Verantwortung erhalten habe. Auch Angehörige von Parteien auf vermeintlich gewaltlosem Kurs konnten sich solchen Kommentars nicht enthalten, auch nicht Medien, die noch vor nicht allzu langer Zeit einem Bischof, der einst Kinder geohrfeigt hat, den Rücktritt nahelegten. Nur wenige Tage vorher hatte es in Zusammenhang mit dem Scheitern des Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA) im Europäischen Parlament ebenso politische Ohrfeigen gehagelt. Daher gilt es den Vertechtern schlagender Kritik mehrerlei entegegen zu halten. Erstens: Das Bundesverfassungsgericht schlägt nicht. Zweitens: Städte („Karlsruhe“) schlagen auch nicht. Drittens: Ohrfeigen haben in einer friedlichen Gesellschaft nichts zu suchen. Viertens: Mit platten Sprüchen Politik zu machen, darf getrost als populistisch gelten. Fünftens: Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land erben. (Matthäus 5,5; „Bergpredigt“). Sechstens: „… wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Matthäus 5,39; „Bergpredigt“)

Zu wenig Zeit für alles

Gerade habe ich die Bundesarbeitsministerin in den Fernsehnachrichten sagen sehen, bis wann das etwas werden soll mit der Frauenquote in den Vorständen: „bis zweiachtzehn“. Sie treibt damit die geistlose Sitte auf die Spitze, dass sich vermeintlich wichtige Menschen in der Öffentlichkeit zu schade sind, den Jahreszahlen der Zeit, in der wir leben, die nötige Referenz zu erweisen und sie so auszusprechen, wie sie auf dem Papier stehen. Was treibt sie und die etwas weniger reudzierten „zwanzig-zwölf“-Sager zu ihrem Tun? Zwischen „zweiachtzehn“ und „zweitausendachtzehn“ besteht ein Unterschied von zwei Silben, sieben Buchstaben und einem kleinen Sekundenbruchteil. Mathematisch geht die Differenz zwischen der ministerial gekürzten Null und der verschwiegenen „1000“ indes gegen Unendlich, ein Zustand, den Philosophen und Psychologen deuten mögen. Was ich sehe: Ein winziger Zugewinn an Coolness, das, Frau BuMin Vau-de-El. Sparen wäre an anderer Stelle angesagt.

Eins nach dem anderen. Oder doch das andere lieber zuerst?

Dass der Gesellschafter „Stadt München“ nun doch nicht für den Ausbau des Flughafens stimmen darf, der ihm teilweise selbst gehört, haben seine Bürger entschieden. Man darf nicht über die geringe Beteiligung am Entscheid maulen, denn auch wer sich des Votums enthält, zeigt, was ihm eine Angelegenheit wert ist. Aber man darf den Kopf schütteln über die Reihenfolge, in der in diesem Land inzwischen Infrastrukturprojekte behandelt werden. Wofür sollen wir unsere Haushalte denn noch mit den aufwendigen Genehmigungs- und Planfeststellungsverfahren, mit Gerichtsentscheiden, Mediationen und dergleichen belasten, wenn danach durch einen Bürgerentscheid alles wieder gekippt werden kann? Gehört dieser nicht vielmehr an den Anfang des Verfahrens, um grundsätzlich die Ampel auf „rot“ oder auf „grün“ zu stellen – und dann dem Signal entsprechend zu handeln oder es zu lassen? Ich höre die Einwände: Zu abstrakt dann die Entscheidungsgrundlage, zu theoretisch… Ich entgegne: Entweder wir haben (bzw. sind) „mündige Bürger“, dann ist das kein Problem. Beide Seiten legen ihre Fakten vor und auf dieser Basis wird entschieden. Oder wir sind nicht mündig genug für solche Voten – warum sollte dann ein nachtäglicher Entscheid etwas Sinnvolles zu Wege bringen? Unser Land wird sich kräftig verändern müssen, um hier nicht in Zukunft zum Gefangenen seiner eigenen Ängste zu werden.

Mit aller Schärfe des Gesetzes

Jüngst erlebt: Mami, Papi und der kleine (nennen wir ihn mal:) Michi stehen Samstagnachmittag im Supermarkt am Lotto-Tresen und geben ihren Schein ab. Nachdem das erledigt ist, wollen sie noch eines der Lose kaufen, die einladend in Plexiglasboxen dargeboten werden. Papa bezahlt, der Junior soll ziehen. Da zischt die Feldwebelstimme der Lotterie-Beauftragten: „SIE ziehen selbssssst. Das ist ab achzzzzzzzzzzzzzzzehn.“ Papi und Mami sind ratlos, Michi den Tränen nah. Dann zieht Papi und versteht, wie er Mami im Weggehen erklärt, die Welt nicht mehr: „Wenn wir doch dabei sind…“ Ja, so ist unser Gemeinwesen: Fürsorglich um die Suchtabwehr bemüht. Wenn dagegen volljährige Zocker im Hochfrequenz-Handel an den Börsen mal eben ein paar zig Millionen verjuckeln und dabei ganze Volkswirtschaften an den Rand des Ruins treiben, dann ist das ganz okay. Kein Feldwebel, kein Zischen, nix. Michi, deine Chance kommt noch!