Pfaffinger Umschau

upf schaut hin, hört zu und schreibt's auf

Tag: Sprache

Um was streiten die sich denn?

Während, gefühlt, der Terminus „mutmaßlich“ gerade eine kleine Verschnaufpause einlegt, pustet ein anderer gerade wieder mächtig die Backen auf. Die in Journalistenkreisen geschätzte Floskel „umstritten“ kommt derzeit wieder häufiger gelegen, wenn es darum geht, in vorbildlicher Neutralität keine Stellung zu beziehen. Es hat sich eingebürgert, diesen Begriff zu verwenden, wenn in einer Sache der eine Teil der Menschheit einverstanden ist und der andere Teil etwas dagegen einzuwenden hat. So lange das Ergebnis offen ist, heißt das Ding im offziellen Nachrichtendeutsch eben „umstritten“. Negativer Beiklang inklusive: Da sind noch nicht alle Fragen geklärt, da lauert womöglich noch irgendwo eine Schweinerei.

So öffnet das Wort der Vermutung und Verdächtigung Tür und Tor. Denn so wohlfeil die Vokabel auch ist, so mangelt es ihr doch an Eindeutigkeit. Folgt man der Analogie zu anderen „um“s wie „umtanzen“ oder „umkreisen“,  dann lässt sich leicht erkennen: Es geht nicht um den Kern der Sache, sondern um die Peripherie. Daher gerät die Zustandsbeschreibung der Angelegenheit diffus. Zumal von der Natur, dem Umfang und der Zielrichtung des angeblichen Streits in den meisten Fällen auch nicht mehr die Rede ist, manchmal auch gar nicht sein kann.

Beispiel Flughafen München: Der will seit Jahren eine dritte Startbahn bauen, hat auch alle vorgeschriebenen rechtlichen Verfahren absolviert. Aber nicht alle Anwohner wollen das hinnehmen und auch einer der drei Eigentümer, die Stadt München, fühlt sich an ein Bürgervotum gebunden, dass dem Bau widersprochen hatte. Darum herrscht Stillstand in der Causa. Aber gestritten wird nicht mehr – zumindest vor Gericht. Auch die Gesellschafter „streiten“ nicht, trotz unterschiedlicher Positionen. Allenfalls der gute alte „Streitfall“, der auch im Gespräch zwischen zwei Menschen ein langes Leben führen kann, ohne dass ein Ziel und Ende absehbar wäre – der gäbe Anlass anzunehmen, dass etwas umstritten sei.

Bleibt also die Frage nach einer sauberen Alternative für das strittige „umstritten“. Am einfachsten ist die klare Ansage: „Zu diesem Thema gibt es unterschiedliche Meinungen und bisher sieht es nicht so aus, als ob sich deren Inhaber auf einen gemeinsamen Nenner verständigen könnten.“ Das ist ganz schön lang und bringt den Halter der Redaktions-Stoppuhr ins Schwitzen: „Wenn wir das bei allen Nachrichten machen, dann kommen wir mit unseren fünf Minuten aber nicht mehr hin.“ Kann man so sehen. Nachrichtensprachlich aber ist es unhaltbar: Statt einer klaren Beschreibung erhalten die Hörer einen Begriff, den jeder für sich frei interpretieren kann. Das aber verringert den Wert einer Nachricht. Ein solcher Sprachgebrauch ist deshalb angreifbar. Sie meinen, das sei nicht so? Lassen Sie uns darüber streiten.

Eine Bitte, keine Formel

Was will uns dieses Wort sagen?

Was will uns dieses Wort sagen?

„X hat sich für sein Verhalten/seine Äußerung entschuldigt.“ Ein Satz, den man in jüngster Zeit häufiger hört. Vor allem in den Nachrichten. Denn die Vorfälle häufen sich, von denen bekannt wird, dass da jemand in irgendeiner Form schuldig geworden ist. In der Regel dessen, dass er (ja, die „sies“ sind da in der Minderheit) zuerst das Maul aufgerissen und erst danach das Hirn eingeschaltet hat.

Weil in der kommunikativen Welt der 2010er Jahre kaum noch etwas (Halb-)Öffentliches unbemerkt, undokumentiert und unveröffentlicht bleibt, verfangen sich immer mehr Zeitgenossen im Status einer Verfehlung gegen a) die öffentliche Meinung, b) den gesellschaftlichen Konsens, c) die guten Sitten oder d) gegen gute Manieren. Insbesondere c) und d) lassen dann den Druck entstehen, das dafür gefälligst eine Entschuldigung fällig sei. Wozu sich die vermeintlich reuigen Sünder dann aus unterschiedlichsten Motiven heraus dann auch hinreißen lassen: „Ich entschuldige mich für …“

Das geht so natürlich gar nicht.

Sich selbst aus der Schuld zu entfernen mag bequem und effizient erscheinen. Zulässig ist es nicht. Legitim ist aus meiner Sicht nur die Formel: „Dafür bitte ich um Entschuldigung.“ Anschließend ist es Sache der a) Öffentlichkeit, b) Gesellschaft oder c) individuell Betroffener, diese Bitte anzunehmen und dem reuigen Sünder zu vergeben. Ich halte den Faktor „Reue“ in der Tat für den entscheidenden, wobei mich meine katholische Erziehung beeinflussen mag: „In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden“, heißt es am Anfang der Beichte.

Man mag von mir aus darüber streiten, ob eine solche Unterwerfung missbraucht worden ist und bis heute missbraucht werden kann. Aber der Umstand, dass da einer mit geneigtem Haupt vom hohen Podest des Danebenbenehmens heruntersteigen oder sich aus dem grellen Licht von Lügen oder unberechtigten Vorwürfen herausbewegen muss – das erscheint mit als eine Grundlage dafür, dass ihm Ent-Schuldigung zuteil wird. So einfach, dass er sich selbst einen Persilschein ausstellt und meint, damit alles wieder zum Guten geregelt zu haben, so einfach darf es sich keiner machen. Dass auch gehört werde, wer die Bitte um Entschuldigung annimmt und sie bejaht, ist das Mindeste.

 

Journalismusformel: Minus mal minus macht minus

Manche Entscheidungen im Journalistenleben scheinen auf den ersten Blick sehr einfach zu sein. Beim zweiten Hinsehen entpuppen sie bzw. ihre Folgen sich als höchst komplex. Im dritten Hinsehen wünscht man sich dann, man wäre anders vorgegangen. Dies ist inbesondere dann der Fall, wenn die journalistische Arbeit das reine Übermitteln von Nachrichten verlässt und eine Tendenz bekommt. Dies vorab.

Als Volontär habe ich einerseits die reine Lehre des Zeitungsjournalismus gelernt: Nachricht und Meinung gehören voneinander getrennt. Damit vermeide ich, meine Leser zu manipulieren. Andererseits hat mir die alltägliche Arbeit gezeigt, dass diese reine Lehre unmöglich einzuhalten ist. Denn schon die Entscheidung, womit ich eine Meldung beginnen lasse, welchen Umfang ich ihr zumesse, welche Position im Blatt, welche Qualität der Aufmachung (große oder kleine Schlagzeile, mit oder ohne Bild) ist nicht mehr auf rein sachlicher Basis zu begründen – mit Ausnahme des Faktums, dass der verfügbare Platz für Veröffentlichungen beschränkt ist. Ich wäge die auflaufenden Nachrichten auf Relevanz ab, auf Gewicht. Ich setze Prioritäten. Dabei folge ich meinem Urteil und meiner Erfahrung sowie der Meinung der Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktionskonferenz.

Sie sehen: Nachricht und Meinung zu trennen ist unmöglich.

Wenn eine große Tageszeitung daher der Meldung über die sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung von mehreren Dutzend Frauen während der Silvesternacht in Köln auf ihrer Titelseite nur eine kurze, im Konjunktiv gehaltene einspaltige Meldung „unter dem Bruch“ gewährt und den dazugehörigen Bericht auf der Panorama-Seite plaziert, also dem „Bunten und Vermischten“, und ihm dort etwa die Hälfte des Umfangs gewährt, den ein Bericht über in Eis und Schnee feststeckende Züge erhält, dann wirft das Fragen über die Meinung derer auf, die für diese (An)Ordnung verantwortlich sind.

Zumal gleichzeitig die Titelseite einen Vierspalter „Verbientes Gelände“ präsentiert, der sich damit befasst, wie in Afrika Insekten Elefanten von Feldern fernhalten sollen. Zumal gleichzeitig der Aufmacher der Panorama-Seite „Geliebtes Glühlicht“ über Berlin als „Welthauptstadt der Gaslaternen“ eine Wohlfühlatmosphäre ausstrahlt, die in direktem Kontrast zum Befinden der in Köln belästigten Frauen steht. Zumal nur verschämt und gegen Ende der Nachricht die Pflichtfrage „wer?“ beantwortet wird. Zumal die „Anreißer“-Meldung auf der Titelseite die Vorfälle in der Überschrift mit „Übergriffe“ relativiert, indem sie die Spezifizierung „sexuelle“ unterlässt.

Da ich weder der Redaktion angehöre noch Zugriff auf deren Meinungsgemengelage habe, bleiben mir nur Vermutungen. Sollte eine davon zutreffen, ist auch mein Wohlgefühl im gewählten Beruf stark beschädigt.

  • Es ist – trotz einschlägiger, umfassender Berichterstattung anderer seriöser Medien – zu einer krassen Fehleinschätzung gekommen, was die Schwere des Vorfalls angeht.
  • Die Redaktion hat versucht, durch die Marginalisierung der Täter und ihrer Herkunft eine bedrohte Bevölkerungsgruppe zu schützen, indem sie jenen keine „Munition“ liefern wollte, von denen diese Bedrohung ausgeht – und damit gerade die eigentliche Absicht torpediert, weil die unsaubere Berichterstattung genau diese „Munition“ liefern könnte.
  • Die Redaktion hält, im Jahre 3 nach #aufschrei, die titelseiten- und kommentarspaltentauglichen Altherren-Sprüche eines Politikers sexismustechnisch für gravierender als das tatsächliche, aggressive Betatschen von Frauen.
  • Die Redaktion überschätzt das Interesse an der afrikanischen Landwirtschaft.
  • Die Redaktion unterschätzt das Interesse an Situationen, die für Frauen bedrohlich sind.
  • Die Redaktion arbeitet mit Tendenz.

Der letzte Punkt ist der schlimmste. Denn er macht Nachricht und Berichtende angreifbar in ihrer Seriosität. Mit dem traurigen Ergebnis, dass minus (Information und Bewertung) mal minus (Vertrauen in das Urteilsvermögen der Leser) doch minus (Glaubwürdigkeit) ergibt.

tl;dr

Es gibt keinen harmlosen Sexismus. Es gibt keine weniger schlimmen Belästiger, egal welcher Herkunft Täter und Opfer sind. Und es dient nicht „der guten Sache“, etwas kleinzuschreiben, damit „die Bösen“ nicht Wasser auf ihre Mühlen bekommen – im Gegenteil. Die Wiederbelebung des sauberen, nachrichtlichen Journalismus bedarf dringend der Wiederbelebung einer klaren, von Formeln befreiten Sprache.

Die Renaissance des Stammtischs

Es ist schon ein paar Jährchen her, da war der „Stammtisch“ das Synonym für den Austausch dumpfer, verbohrter, vorurteilsbeladener Parolen. Wem medienwirksam und öffentlich unterstellt wurde, er verbreite „Stammtischparolen“, der war gemeinhin, auf jeden Fall aber in der spezifischen Angelegenheit gebrandmarkt als einer, dem es an Fähigkeit zum Differenzieren gebricht und dem ein Übermaß an schlichtem Denken zuteil war. Parteien, denen man das Streben nach der „Hoheit über den Stammtischen“ nachsagte, bekamen das gleiche Etikett, abgeleitet von der Zustimmung derer, die am Stammtisch saßen.

Stammtische sind selten geworden. Nicht nur, weil die Kneipen sowie die Dorf- und Vorstadtwirtschaften aussterben, in denen sie standen. An den wenigen, die geblieben sind, geht es nach wie vor überwiegend gemütlich hier. Ihr Wert ist nicht hoch genug einzuschätzen, dienen sie doch der Pflege eines gefährdeten Kulturguts: dem unmittelbaren, offenen Gespräch. Sie sind der lebendige Kontrast zum anhaltenden Rückzug ins Private und die anregende Alternative zum aufgezwungenen Schweigen gegenüber dem öffentlichen Gebrüll.

Denn das breitet sich in beängstigender Geschwindigkeit aus. Wer verbohrten Meinungen lauschen und vorurteilsbehaftete Gedanken wahrnehmen möchte, der wird zum einen durch die auf vermeintliche Spannung und „Atmosphäre“ gebürsteten Talkshows im Fernsehen umfassend bedient. Noch massiver aber tritt das, was man dem Stammtisch von gestern unterstellte, in den vermeintlichen Diskussionsforen auf, die im Internet feilgeboten werden – bei den etablierten Medien genauso wie bei Blogs und Portalen.

Der traurige Unterschied ist die Anonymität derer, die an diesen E-Stammtischen sitzen, und mit einer Verbissenheit, einer Selbstherrlichkeit und einer Intoleranz gegenüber anderen Meinungen zu Worte gehen, die den analogen Vorläufern fehlte. In einem allerdings unterscheidet sich das Heutige ganz wesentlich vom Gestrigen: „Der“ Stammtisch ist nicht mehr per se ein konservatives Milieu, denn er ist Forum aller Parteilichkeiten. Eine Hoheit ist dort ebenso nicht mehr zu erlangen. Ein Gewinn für die Diskussionskultur ist jedoch nicht erkennbar, nur eine vervielfachte Aggression.

 

 

Ist da zusammengewachsen, was zusammengehört?

Lange hat’s gedauert, bis sich Union und SPD auf einen Koalitionsvertrag geeinigt haben. Sehr lange. Für einen, der Politik als einen lebendigen Prozesse versteht, der gestaltet, was zu gestalten ist, und ordnet, was zu ordnen ist, mutet es denkwürdig an, dass die Partner in beiden Lagern heute schon zu wissen meinen, worauf es in den nächsten knapp vier Jahren ankommt. Ein aufmerksamer Betrachter und Zuhörer dessen, was seit der Wahl an die Öffentlichkeit gedrungen ist und gezielt dorthin getragen wurde, erkennt in den propagierten Themen indes weniger eine Agenda, denn eine Abhandlung. Eine Abhandlung von Themen des Jahres 2013, vielleicht noch der ersten Monate von 2014.

Das umfangreiche Vertragspapier, das praktischerweise im Internet nachzulesen ist, lässt schon vom Umfang her ahnen, wie viele Klienten und Positionen zu bedienen waren, bis sein Inhalt unterschriftsreif war. Die Wortwahl macht dann erkennbar, dass das Abstrakte fast stets denr Vorzug vor dem Konkreten erhielt. Allein schon auf den ersten Seiten heißt es immer wieder „wir wollen“, nicht „wir werden“.

Coalescere heißt im Lateinischen „zusammenwachsen“, sinngemäß bedeutet es sogar noch mehr: gemeinsam heranreifen. Aber haben CDU/CSU und SPD so viel gemeinsam, dass sie miteinander wachsen können? Ist es erwartbar, dass beide miteinander oder aneinander reifen? Wollen sie das überhaupt? 187 Seiten Vertrag nähren der Verdacht, dass hier kein natürliches Zusammenwachsen zu erleben ist, sondern eines, das reichlich Kleister braucht, Wortkleister. Die konkrete Form des Vertrags windet sich um ein Gerüst von Abstrakta.

Deutschland ist ein wohlhabendes Land. Aber nicht so wohlhabend, dass es sich eine Regierung leisten kann, die ihre Arbeit nicht auf konkrete Pläne aufbaut, sondern auf Absichtserklärungen. Fast auf jeder Seite dieser Partitur zu einem Wunschkonzert ist erkennbar, dass viel Zeit vergehen wird, bis aus der papierenen Idee greifbare Wirklichkeit wird. So gesehen reicht die Perspektive in der Tat viel weiter als bis 2014. Aber ein verbindliches Ziel ist dort nicht zu sehen.

 

Können Kreise sprechen?

Sie gehörte dereinst zu den beliebtesten Phrasen im Nachrichten-Deutsch – die Quellenangabe „wie aus gut informierten Kreisen“ verlautet. Wer in jüngster Zeit aufmerksam hinschaut (manchmal auch hinhört), der wird feststellen, dass diese dem Informantenschutz geschuldete Abstraktion sich dramatisch verkürzt hat. Inzwischen ist vielfach nur noch von „Kreisen“ die Rede. Zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier und hier.

So lange die Kreise „gut informiert“ waren, waren sie Synonym für eine Gruppe zwar unbekannter und ungezählter, aber doch klar zu verortender Menschen. Selbst „US-Kreise“, „Regierungs-Kreise“ oder „wissenschaftliche Kreise“ schlossen trotz ihrer verschwimmenden Grenzen dadurch dingfest zu machen, dass sie Menschen bezeichneten, die der betrachteten Sache nahe standen und darüber offenbar verlässliche Auskunft geben konnten. „Kreise“ ohne jedes Attribut dagegen sind – nichts.

Das gleiche gilt für Sätze wie „Kreisen zufolge ist der Solarworld-Partner Qatar Solar Technologies bereit, sich mit einer Minderheit an dem Bonner Unternehmen zu beteiligen.“ (Quelle: Reuters/Süddeutsche.de). Sie helfen dem Leser beim Einordnen über Wert und Qualität der Aussage gar nichts. Denn solche Kreise können sehr, sehr weit gezogen sein – und unter Umständen gar außerhalb dessen liegen, was sie vorgeblich einschließen. Im schlimmsten Fall sind es „interessierte Kreise“, die den Nachrichtenmarkt in ihrem Sinne beeinflussen wollen.

Dass sich gerade große Nachrichten-Agenturen wie dpa und Reuters auf diesen (Ver-)Kürzungswahn einlassen, ist doppelt verwerflich, prägen sie doch mit ihrem Sprachgebrauch das Sprachbild in den Redaktionen quer durchs Land. Ihr Fehler: Statt das Kind beim Namen zu nennen – „wir wollen, können oder dürfen die Quelle nicht beim Namen nennen“ – bauschen sie vermeintliches Insiderwissen zur Information auf oder kleiden Gerüchte ins Nachrichtengewand. Beide Male verfehlen sie ihren Auftrag und treiben Schindluder mit der Sprache.

Mutmaßlich unklar

Ziemlich unklar, diese mutmaßliche Rose (c) Ulrich Pfaffenberger

Ziemlich unklar, diese mutmaßliche Rose (c) Ulrich Pfaffenberger

Seit einigen Jahren nun schon greifen Journalisten auf das Wort „mutmaßlich“ zurück, um der Unschuldsvermutung sprachlich genüge zu tun. Aus meiner Sicht ist dies in mehrfacher Hinsicht ein Mißgriff. Nicht, weil mir die Unschuldsvermutung mißfiele. Wer noch nicht rechtskräftig verurteilt ist, hat einen Anspruch darauf. Nein, ich bin verärgert, weil es bessere Begriffe gibt, um die Unschuldsvermutung auszudrücken. „Tatverdächtiger“ zum Beispiel. Oder „Beschuldigter“. Oder am Ende gar ein ordentlicher Nebensatz, der verdeutlicht, warum noch Fragen offen und Zweifel berechtigt sind.

Eine Mutmaßung ist eine ziemlich grobe Vermutung, ein Stochern im Nebel, ein Fischen im Trüben. „Nix gwias wois ma ned“ sagt der bayerische Schwabe und gibt so zu erkennen, dass ihm zum gegenwärtigen Zeitpunkt jede Schuldzuweisung fremd ist.

Weshalb es grober Unfug ist, hinter das abstrakte „mutmaßlich“ dann einen so konkreten Begriff wie „Täter“ oder „Mörder“ zu stellen. In einem Atemzug einen Vorwurf zu erheben, um ihn gleich auch wieder mit dem Schleier der Distanzierung (vermeintlich) zu verhüllen ist widersinnig. Denn damit ist der Vorwurf verbalisiert: „Täter“. Das ist deutlich schärfer als „Tatverdächtiger“. Irrwitzig sind vor diesem Hintergrund Formulierungen, wie sie immer wieder auch in Hörfunk-Nachrichten über den Sender gehen: „Der mutmaßliche Täter hat inzwischen ein Geständnis abgelegt.“

Der angebliche Zwang zu knapper Nachrichtensprache erscheint daher wenig glaubwürdig, weil die besseren Begriffe allenfalls winzige zusätzliche Sekundenbruchteile in Anspruch nehmen.

Inzwischen sieht es danach aus (oder hört es sich danach an), als liefe ein zweiter Begriff dem „mutmaßlich“ den Rang in der Beliebtheit ab: „unklar“. Man hört und liest immer häufiger davon, dass „der Tathergang weiter unklar“, „die Unfallunsarche noch unklar“ oder „die zusätzlichen Kosten für den Berliner Flughafen noch unklar“ seien. Gemeint ist in jedem Fall „unbekannt“, unter wohlwollender Betrachtung mag man dem Berichterstatter unterstellen, dass bisher allenfalls ein „trübes“ oder „wirres“ Bild des Geschehens erkennbar ist. Bloß: Was ist dann die Nachricht?

Die negative Seite des Internet

Kann das Nennen einer URL die ganze zuvor gezauberte Atmosphäre ins Negative verkehren? Es kann. Da läuf ein Werbespot im Radio, der die ganze Fröhlichkeit und Schönheit eines Urlaubs auf dem Bauernhof vermitteln soll – um dann dem geneigten Hörer nahezulegen, er möge sich auf „Urlaub minus Bauernhof“ weitere Informationen holen. Wo doch eigentlich „Urlaub plus Bauernhof“ gemeint ist. Das wirkt etwa so, wie wenn ich Erdbeere und Strunk voneinander trenne und dann – aller Gedanken verloren – die Beere wegwerfe und den Strunk in den Mund führe. Ich räume gern ein, dass das lange Wort „Bindestrich“ in unserer rastlosen Zeit zuviel Zeit beansprucht und sperrig wirkt (wenn auch nicht so destruktiv wie „minus“). Ich räume ebenfalls gern ein, dass das schöne alte Typographen-Wort „divis“ inzwischen viel zu fremd ist, um als Alternative in Betracht zu kommen. Obwohl es dem „minus“ silbengleich ist und ebenfalls („Teilstrich“) der Mathematik entstammt. Daher wäre doch – auf einen Anglizismus mehr oder weniger kommt es wirklich nicht mehr an – das kompakte amerikanische „dash“ das sprachlich beste Mittel der Wahl. Ich werde das ab sofort ausprobieren: mal mit „divis“, mal mit „dash“. Freuen Sie sich auf meine Erkenntnisse. Demnächst hier.

Zu wenig Zeit für alles

Gerade habe ich die Bundesarbeitsministerin in den Fernsehnachrichten sagen sehen, bis wann das etwas werden soll mit der Frauenquote in den Vorständen: „bis zweiachtzehn“. Sie treibt damit die geistlose Sitte auf die Spitze, dass sich vermeintlich wichtige Menschen in der Öffentlichkeit zu schade sind, den Jahreszahlen der Zeit, in der wir leben, die nötige Referenz zu erweisen und sie so auszusprechen, wie sie auf dem Papier stehen. Was treibt sie und die etwas weniger reudzierten „zwanzig-zwölf“-Sager zu ihrem Tun? Zwischen „zweiachtzehn“ und „zweitausendachtzehn“ besteht ein Unterschied von zwei Silben, sieben Buchstaben und einem kleinen Sekundenbruchteil. Mathematisch geht die Differenz zwischen der ministerial gekürzten Null und der verschwiegenen „1000“ indes gegen Unendlich, ein Zustand, den Philosophen und Psychologen deuten mögen. Was ich sehe: Ein winziger Zugewinn an Coolness, das, Frau BuMin Vau-de-El. Sparen wäre an anderer Stelle angesagt.